2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir haben es erlebt — und die tieferen Zusammenhänge zeigen es einer tieferen Auffassung —, diese Dinge haben uns in die Katastrophe hineingeführt. Wir haben es erlebt, dass die Leute einerseits nach ihrer Auffassung religiös waren, und dass sie die ganze Woche dann von der Religion in ihrem äußeren Handeln nichts hatten, als dass in der Buchhaltung im Hauptbuche noch steht auf der ersten Seite: «Mit Gott». Ich weiß nicht, ob das, was da steht, dann stimmt. Aber jedenfalls ist also doch etwas eingetreten von dem, was ich nennen möchte eine Art doppelte Lebensführung: Man kann auf der einen Seite Anhänger sein irgendeines Bekenntnisses, und auf der anderen Seite kann nichts hineingetragen werden ins Leben von diesem Bekenntnis. Ebenso gibt es unter den Wissenschaftern heute schon sehr zahlreiche, die ihre Wissenschaft durchaus so betreiben, dass sie sie eben handhaben auf der einen Seite, und das Leben, das fassen sie dann ganz anders wieder auf. Sie machen zweierlei aus diesen Dingen, die eigentlich eines sein sollten. Aber wir müssen zu einer lebenseinheitlichen, nicht nur Lebensauffassung, sondern Lebensführung kommen.
Cite:
GA 80b/1921-01-28/p119 · edition original