Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele

GA 80b/1921-02-01/p038 ·1921-02-01 · original (original)
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Goethe konnte gewissermaßen aus einem bewusst-unbewussten, instinktiven Empfinden heraus nicht aushalten dieses Trennen des Wesens der Menschenseele vom Inneren der Natur. Für ihn war es klar, dass derjenige, der in gesunder Weise die Menschenseele in ihrem Wesen zum Bewusstsein bringt, dass der sich als in dem Inneren der Natur stehend auch erfahren und erleben müsse. Das war es, warum Goethe auch niemals den Kantianismus angenommen hat. Und diejenigen, die behaupten, Goethe wäre selber zu irgendeiner Zeit seines Lebens dem Kantianismus nahegestanden, die irren gar sehr. Goethe hat, entgegengesetzt demjenigen, was Kant als menschliches Erkenntnisvermögen anerkannte, dasjenige, was er anschauende Urteilskraft nennt; und er glaubte dadurch, dass man nicht bloß dasjenige Urteil in sich ausbildet, was von Begriff zu Begriff in abstraktem Sinne geht, sondern dass man dasjenige, was sonst nur in der sinnlichen Anschauung äußerlich lebt, dass man das innerlich anwendet auf das Gedankenanschauen. Goethe sagt, er habe nie über das Denken gedacht, aber er hat unablässig dasjenige, was im Gedanken als Lebendiges lebt, anschauen wollen. Durch dieses Gedankenanschauen wollte Goethe etwas erreichen, wodurch das Wesen der Menschenseele sich wiederum verbindet mit demjenigen, was das Innere der Natur ist.

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Cite: GA 80b/1921-02-01/p038 · edition original