Das Innere der Natur und das Wesen der Menschenseele
Und ein anderes — meine sehr verehrten Anwesenden — ist das Willensleben. Dieses Willensleben, man denkt gewöhnlich nicht darüber nach, aber quillt nicht der Willensimpuls aus uns hervor, ohne dass wir über seinen eigentlichen Urgrund in unserer Seele ein klares Bewusstsein haben? Wir haben den Gedanken. Aus diesem Gedanken geht der Willensimpuls hervor. Wir sehen uns dann, indem wir handeln, meine lieben Freunde, wir beobachten uns gewissermaßen als Handelnde selbst, haben über unser Handeln aber einen Gedanken. Aber was dazwischen liegt, davon haben wir kein Bewusstsein, wie dasjenige, was als Gedankenimpulse für den Willen in mir aufschießt, hineingeht in meine Muskelkraft, wie der Nerv empfindet die eigene Bewegung der Arm- und Handmuskeln, wie dann ausgeführt wird dasjenige, was da vom Gedanken aus in, ich möchte sagen die Tiefen des menschlichen Wesens hinuntertaucht, um dann wiederum aufzutauchen, wenn wir uns selber als Handelnde finden. Das lebt tatsächlich in uns so, wie allein das lebt, was wir im tiefen Schlafe durchmachen. Geradeso wie wir im Schlafe gewissermaßen unser eigenes Wesen verloren haben, wie wir nicht dasjenige, was wir im Leibe erleben, wachend im Schlafe durchmachen, so machen wir dasjenige nicht durch, was sich in unserer Menschenwesenheit vollzieht, wenn der Wille seine Impulse erscheinen lässt. Wir träumen nicht nur wachend in unserem Gefühlsleben, wir schlafen in unserem wachenden Leben, indem wir wollen, sodass Träumen und Schlafen fortwährend in uns spielen. Aber aus diesen unbekannten Tiefen herauf, aus jenen Tiefen, aus denen der Wille kommt, aus denen kommt auch dasjenige, was wir schließlich in unserem Selbstbewusstsein zusammenfassen. Wir erkennen unsere völlige Menschlichkeit erst, wenn wir im gewöhnlichen Leben uns als ein denkendes oder vorstellendes, fühlendes oder wollendes Wesen wissen.
Cite:
GA 80b/1921-02-01/p044 · edition original