5. Natürlicher Tod und geistiges Leben
Nun — meine sehr verehrten Anwesenden -, wenn man tiefer eingeht auf dasjenige, was den beiden völlig entgegengesetzten Anschauungen zugrunde liegt, so findet man ein ganz verschiedenartiges Hineinleben in das Seelenleben. Man findet bei Herbert Spencer eine restlose Bekanntschaft mit denjenigen Begriffen, die sich als wissenschaftliche Begriffe in den letzten Jahrhunderten in der Menschheitsentwicklung heraufgebildet haben, und man findet bei ihm die Anschauung, dass Wahrheit, dass Erkenntnis nur errungen werden kann mit solchen Begriffen. Man findet bei Solowjow, dass er zwar ganz und gar sich ausspricht in denselben Begriffswelten, in denen auch der westliche Denker sich ausspricht, man findet bei ihm aber zugleich, dass er aus etwas im Menschen heraus redet, das in diesen Begriffen nicht aufgeht, das sich dieser Begriffe gewissermaßen nur wie einer Sprache bedient. Und man hat das Gefühl: Alte Zeiten menschlicher Kulturentwicklung, alte Zeiten menschlichen Denkens leben mit einer religiös gefärbten Weltanschauung in Wladimir Solowjow, in dem Denker des Ostens, sich herauf, und ein Tieferes in der Menschennatur spricht, als dasjenige ist, das in den äußeren, sinnengemäßen und verstandesmäßigen Vorstellungen sich aussprechen kann.
Cite:
GA 80b/1922-02-12/p010 · edition original