5. Natürlicher Tod und geistiges Leben
Man taucht mit seinem seelisch-geistigen Dasein, das man erschaut hat durch höhere Erkenntnis, in die Leiblichkeit unter und man findet jetzt erst, wie man eigentlich fortwährend die Todeskräfte in sich trägt; und wie diese Todeskräfte nun fortwährend durch die Lebenskräfte überwunden werden, wie ein fortwährender Kampf in dem menschlichen Organismus stattfindet, derjenige Kampf, der zwischen den Todeskräften und den Lebenskräften sich abspielt. Man fühlt jetzt erst, was es eigentlich bedeutet, wenn im gewöhnlichen Leben Wachen und Schlafen abwechseln. Man fühlt, dass das ganze menschliche Wesen im Schlafen ebenso aus dem physischen Leibe herausgeht, wie der Mensch mit seiner höheren Erkenntnis — die ich geschildert habe — aus diesem seinem physischen Leibe herausgeht. Aber man fühlt auch, wie der Mensch in dem gewöhnlichen Leben zwischen Geburt und Tod darauf angewiesen ist, dass er zum Ausüben der logischen Kräfte, zum Ausüben der Denkkräfte, sich seines physischen Leibes bedient. Denn wenn er nicht in seinem physischen Leibe im Schlafe ist, so bringt er es höchstens zu einem verworrenen, chaotischen Traumleben, das sogleich entschwinden muss, wenn der Mensch in den physischen Leib untertaucht. Aber man lernt durch die höhere Erkenntnis sehen im menschlichen Leibe fortwährend wirksam auch, was entgegenwirkt demjenigen, was von der Geburt bis zum Tode in uns ist an auflösenden Kräften. Man lernt erkennen, dass gerade vom Einschlafen bis zum Aufwachen dieses Gegenwirken am intensivsten ist. Und man lernt erkennen, wie das wache Leben gerade mit seinen Gedanken gebunden ist an dasjenige, was sich abgesondert zeigt mit dem Leichnam. Man lernt erkennen, wie man die Kräfte, die im Leichnam wirksam sind, eigentlich immer in sich trägt als die Kräfte des Sterbens. Und man lernt durch höhere Erkenntnis, dass wir zunächst diejenigen Gedanken, durch die wir im gewöhnlichen Leben unser Dasein durchdringen und es ordnen, es eigentlich in der richtigen Weise handhaben, dass wir diese Gedanken nicht in die höhere Erkenntnis hinauf mittragen können. In diese höhere Erkenntnis, in diese höhere Wirklichkeit - meine sehr verehrten Anwesenden — tragen wir mit von unserem gewöhnlichen Tagesleben eigentlich nur einen Teil des Gefühlslebens und des Willenslebens, und in einer höheren Welt erwerben wir uns neue Gedanken. Die Gedankensphäre, die an den physischen Leib gebunden ist und von der man einsieht: Sie ist an dasjenige im physischen Leibe gebunden, was immer in uns ist, was die Sterbekräfte sind, diese Gedankensphäre fasst man mit der höheren Erkenntnis. Man sieht auch ein, man musste das Denken, das Fühlen, das Wollen verstärken, um dasjenige, was uns im gewöhnlichen Leben der Leib trägt an Gedanken, um das Selbst zu tragen.
Cite:
GA 80b/1922-02-12/p029 · edition original