12. Seelenewigkeit Des Menschen Vom Gesichtspunkt Der Anthroposophie
Nun gehört, um überhaupt einen solchen Gesichtspunkt einzunehmen, etwas dazu, was ich in diesem Zusammenhang immer nenne intellektuelle Bescheidenheit. Diese intellektuelle Bescheidenheit ist dem heutigen Menschen nicht gerade eigen. Der heutige Mensch sagt sich zwar: Nun, als ich ein kleines Kind war, da träumte ich gewissermaßen in das Leben herein; da ließ ich — ich musste ja das — an mich herankommen die Erziehung durch die Eltern, durch das Leben selber. Ich war in meiner ganzen Seelenverfassung ein anderer Mensch. Jener intellektualistische Standpunkt, den ich mir errungen habe, ich habe ihn ja nicht herein zur Welt mitgebracht; ich habe ihn mir ja erst aus dem dumpfen, träumenden Bewusstseinszustande des Kindes herausentwickelt. Das gibt zwar der Mensch heute zu, aber dabei bleibt er auch stehen. Denn jetzt sagt er: Nun ja, ich habe diesen Standpunkt; was von diesem Standpunkte aus mir wahr erscheint, ist wahr. Was von diesem Standpunkte aus mir falsch erscheint, ist falsch. Ich bin durch diesen Standpunkt, den ich mir einmal errungen habe, der souveräne Herrscher über Wahr und Falsch, über Irrtum und Richtigkeit.
Cite:
GA 80b/1923-05-14/p010 · edition original