12. Seelenewigkeit Des Menschen Vom Gesichtspunkt Der Anthroposophie
Glauben Sie nicht — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass man, wenn man ehrlich ist, schildern kann, dass aus Lust heraus die höhere Erkenntnis geboren ist! Sie ist aus dem Schmerz herausgeboren. Und man muss nach und nach Ertragsamkeit gewinnen gegenüber diesem Schmerze. Wenn man Ertragsamkeit dem Schmerze gegenüber gewinnt, dann lernt man als solcher Geistesforscher, in etwas anderer Art auch in das physisch-sinnliche Dasein immer wieder zurückzukehren. Denn, Sie werden ja begreifen: Dasjenige, was ich geschildert habe als im Momente höherer Erkenntnis, die man auf die charakterisierte Weise erwirbt, die hat man ja nur ganz kurze Zeit immer. Man ist nicht etwa immer entrückt, wenn man ein Geistforscher ist, in eine höhere Welt; man muss ja immer wieder und wiederum, wenn man die höhere Welt durchschritt, zurückkehren in eine gewöhnliche, sinnlich-physische Welt. Aber man kehrt aus dem Momente des höheren Anschauens zurück, indem man zunächst in tiefem Schmerz hat entbehren gelernt diese physisch-sinnliche Welt. Da bekommt man einen ganz anderen Standpunkt gegenüber dieser physisch-sinnlichen Welt. Da muss man tatsächlich kennenlernen dasjenige, was man Opfergefühl nennen kann — das Opfergefühl, das darinnen besteht, dass der Mensch wirklich sich mit vollem Bewusstsein an das andere Wesen, nicht bloß aus Instinkt, sondern mit vollem Bewusstsein an das andere Wesen oder auch an die anderen Naturvorgänge hingibt. Während der Instinkt in der Liebe so wirkt, dass er gewissermaßen einpfahlt in den physischen Leib die Liebesempfindung, kann die Liebe, wenn sie hinaufgetragen wird und ausgebildet wird als Hinopferung an das andere, an die geistige Welt und auch an die physisch-sinnliche Welt, wenn man wieder zurückkehrt, kann die Liebe so entwickelt werden, dass sie in leibfreier Seelentätigkeit verläuft.
Cite:
GA 80b/1923-05-14/p033 · edition original