8. Die Erkenntnis des Geistigen Wesens der Welt
Das ist im Allgemeinen für die neuere Menschheit etwas schwierig zu begreifen. Allein gerade derjenige, der sich recht vertieft hat in die moderne Naturwissenschaft, der findet zuletzt in dem Gedankenleben etwas, was nicht durch seinen Leib vermittelt wird. Und dieses Gedankenleben habe ich das reine Gedankenleben und seine Betätigung das reine Denken genannt in meiner «Philosophie der Freiheit», wie sie im Beginne der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben wurde, und habe zu zeigen versucht, wie nun gerade dann, wenn der Mensch in einem Denken, das rein geworden ist von allen inneren Instinkten, von aller inneren Willkür, von aller inneren Phantasie, wenn er durch naturwissenschaftliche Schulung im reinen Denken eine Natur erfasst, die amoralisch ist, die nichts mehr Moralisches in sich schließt, eine Natur erfasst, zu der er kein Verhältnis, kein religiöses Verhältnis gewinnen kann, wenn er sich recht stark macht in Bezug auf dieses Denken über die Natur, dann dringt tief aus seinem Inneren gerade in dieses naturwissenschaftlich gewordene reine Denken dasjenige ein, was nun die individuellen, die persönlichen Moral-Impulse des einzelnen Menschen sind. Wir brauchen nämlich nur in die Natur unbefangen hineinzuschauen, dann aber nicht bei diesem Hineinschauen stehen bleiben, sondern nun zurückschauen auf unsere eigene Persönlichkeit, dann werden wir finden, dass, je echter wir naturwissenschaftlich denken und dieses naturwissenschaftliche Denken erleben, desto gewaltiger dringt dasjenige, was ich dazumal die moralische Intuition genannt habe, in unser reines Denken hinein. Und wir stehen dann vor der Welt, indem wir uns sagen: Gewiss, die Natur ist für uns entgöttert worden, ist amoralisch geworden; aber wir Menschen als Denker über die Natur, wir fühlen - wie wir sonst das Blut in unseren physischen Kopf hineinvernehmen, damit wir ein physisches Werkzeug des Denkens haben —, so fühlen wir gerade unser reinstes naturwissenschaftliches Denken zuletzt durchpulst aus unserem eigenen Inneren von den moralischen Intuitionen.
Cite:
GA 80c/1922-11-03/p024 · edition original