{"corpus":"steiner","locus":"GA 81/1922-03-07/p010","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sehen wir uns einmal den Westen an: Herbert Spencer. Ich müßte natürlich, wenn ich vollständig sein wollte, den ganzen Hergang der philosophischen Entwicklung schildern, wie er von Bacon, Locke über Mill zu Spencer geführt hat; doch das kann heute nicht meine Aufgabe sein. In Herbert Spencer tritt uns eine Persönlichkeit entgegen, welche Philosophie begründen will, aber Philosophie begründen will rein aus Begriffssystemen heraus, die an der Naturwissenschaft gewonnen sind. Wir finden in Spencer eine Persönlichkeit, die zu dem Naturwissenschaftlichen restlos Ja sagt, und die aus diesem Jasagen heraus die Konsequenz zieht: Also muß alles philosophische Denken über die Welt aus diesem Naturwissenschaftlichen gewonnen werden. So sehen wir, wie Spencer sucht, in der Naturwissenschaft gewisse Vorgänge in Begriffe zu fassen, zum Beispiel wie ein fortwährendes Sichzusammenziehen und Sichausbreiten der Stoffe stattfindet, ein Differenzieren und Konsolidieren. Er beobachtet das zum Beispiel an der Pflanze, die in den Blättern sich ausbreitet und sich im Keime zusammenzieht, und er versucht, solche Begriffe dann in klare naturwissenschaftliche Formen zu bringen und damit eine Weltanschauung aufzubauen. Und er versucht sogar, die menschliche Gesellschaft selber, den sozialen Organismus, nur so zu denken, daß dieses Denken eine Analogie bietet zu dem natürlichen Organismus. Da kommt er aber sogleich in die Enge. Der natürliche Organismus des Menschen ist gebunden an den Zusammenfluß alles dessen, wodurch dieser Organismus mit der Außenwelt in ein Verhältnis tritt, durch Wahrnehmungen, durch Vorstellungen und so weiter. Der einzelne natürliche Organismus ist gebunden an das, was sich unter dem Einfluß des Sensoriums entwickeln kann. In dem gesellschaftlichen Organismus findet Herbert Spencer ein solches Sensorium nicht, kein irgendwie zentral zusammenlaufendes Nervensystem. Dennoch konstruiert er einen solchen gesellschaftlichen Organismus und findet darin gewissermaßen die Krönung seines philosophischen Gebäudes, das ganz auf Naturwissenschaft aufgebaut ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Anthroposophie und Philosophie","site_heading":null,"date":"1922-03-07","location":null,"word_count":287,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/81/1922-03-07/p010","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/81/1922-03-07/p010"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/81/1922-03-07/p010","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}