Anthroposophie und Philosophie
Sehen wir uns zum Beispiel an, was da als Naturwissenschaft aufgetreten und nach und nach im Laufe des 19. Jahrhunderts unbewußt in der europäischen Mitte übernommen worden ist; denn man hat in der europäischen Mitte die Wissenschaft einfach nach dem Muster dessen ausgebildet, was westliches naturwissenschaftliches Denken war. Man merkte das nicht, aber man bildete dennoch alles Weltanschauungsdenken nach dem Muster des Westens aus. Wie wild wurden die Leute, wenn irgend jemand einmal versuchte, die Goethesche Denkweise in der Physik gegenüber der Newtonschen in Schutz zu nehmen! - Und wie verlief die Entwicklung in der Biologie? Goethe hat eine Organik begründet, zu der ein Einleben in Begriffe in mathematischer Art notwendig ist. Die Zeit drängt, eine Biologie zu gewinnen, die dem modernen Denken angemessener ist als das, was aus alten Zeiten heraufgekommen ist. Aber der weitere Fortschritt im 19. Jahrhundert hat einmal für Mitteleuropa nicht die Goethesche Biologie angenommen, sondern die des Darwinismus, der von Begriffen durchsetzt ist, die gegenüber den Goetheschen sich so ausnehmen wie die Begriffe des 16. Jahrhunderts gegenüber denen des 18. Jahrhunderts. Einzig und allein in Mitteleuropa hatten sich einmal die Begriffe fortgebildet; im Westen ist man bei denjenigen Begriffen geblieben, die ausreichten für das Naturbegreifen. So kommt es, daß gewisse Begriffe im Westen einfach nicht vorhanden sind und daß sie, als man in Mitteleuropa das westliche Denken übernommen hat, einfach verlorengingen. Zum Beispiel der Gedanke, der lebendige Gedanke, der Begriff des Erfassens einer Wirklichkeit, abgesondert von einem Empirischen, wie er bei Hegel zum Vorschein gekommen ist, ist einfach in Mitteleuropa heute nicht vorhanden; er ging deshalb verloren, weil das mitteleuropäische Denken vom westlichen Denken überflutet worden ist.