Zweiter Vortrag. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften
Man ist ja heute noch vielfach der Ansicht, daß Anthroposophie irgendwie ihren Ausgangspunkt nimmt von jener nebulosen Seelenverfassung, wie man sie in echt mystischen oder okkultistischen Richtungen der Gegenwart findet. Man irrt sich vollständig, wenn man der Anthroposophie eine solche wirklich sehr fragwürdige Grundlegung zuschreibt. Und eigentlich kann das nur derjenige tun, der diese Anthroposophie entweder nur oberflächlich oder gar nur von Seiten der Gegner aus kennt. Dasjenige, was zunächst die Grundorientierung des anthroposophischen Bewußtseins ist, das ist ja durchaus nicht nur in dem Sinne, wie ich das gestern schon charakterisiert habe, sondern in einem noch viel exakteren Sinne hergenommen von derjenigen Wissenschaftsrichtung der Gegenwart, welche eigentlich am allerwenigsten in ihrem wissenschaftlichen Charakter und ihrer Tragweite angefochten wird. Allerdings wird vielfach weder bei den Anhängern noch bei den Gegnern der Anthroposophie gerade das in der richtigen Weise angesehen, was ich jetzt einleitend werde zu charakterisieren haben. Es ist Ihnen ja schon gesprochen worden von der Stellung des Mathematischen in den Wissenschaften. Und weltbekannt, möchte man sagen, ist ja der Kantische Ausspruch, daß in jeglicher Wissenschaft eigentlich nur so viel wahres Wissen, wahre Erkenntnis zu finden sei, als in ihr Mathematik vorhanden ist. Nun, mit der speziellen Mathematik, mit demjenigen, was die Mathematik der Menschheit und der Wissenschaft überhaupt sein kann, habe ich es hier nicht zu tun, wohl aber mit der Seelenverfassung, in welche ein Mensch sich versetzt, der, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, mathematisiert, der in der Tätigkeit des Mathematik-Bildens darinnen lebt. Wir befinden uns ja eben in einer ganz speziellen Seelenverfassung, wenn wir Mathematik betreiben. Diese Seelenverfassung, sie kann vielleicht am besten dadurch charakterisiert werden, daß ich zunächst auf denjenigen Teil der Mathematik zu sprechen komme, welcher gewöhnlich Geometrie genannt wird, und der es ja, wenigstens in denjenigen Teilen dieser Wissenschaft, die der Mehrzahl der Menschen bekannt sind, zu tun hat mit einer Raumeslehre, mit der Behandlung des Raumes.