Zweiter Vortrag. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften

GA 82/1922-04-08/p008 ·1922-04-08 · original (original)
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Nun aber liegt hier im Grunde genommen ein wichtiges Problem vor, das Problem, daß etwas, was wir in uns selber subjektiv erlebt haben, indem wir es verwandeln, beim Räume einfach durch eine Art Abstraktionsvorgang verwandeln, dann ein die Außenwelt gewissermaßen Durchdringendes wird, als ein der Außenwelt Angehöriges erscheint. Wer sich unbefangen überlegt, was da eigentlich vorliegt, der muß sich sagen: Indem so etwas vollzogen wird wie das subjektive Raumeserlebnis in seinen drei Dimensionen und die nachherige Objektivierung desselben, steht eben der Mensch in der objektiven Außenwelt drinnen mit dem, was er selber erlebt. Unsere subjektiven Erlebnisse, indem sie Raumeserlebnisse sind, sind zugleich objektive Erlebnisse. Und schließlich ist es ja gar nicht schwierig, sondern im Grunde genommen trivial und elementar, diese Sache einzusehen. Denn indem wir uns selbst bewegend durch den Raum gehen, vollziehen wir allerdings etwas, was ein subjektiver Vorgang ist, aber er ist zu gleicher Zeit ein objektiver Vorgang, etwas, was in der Welt geschieht. Ob wir einen Automaten sich vorwärtsbewegen sehen oder einen Menschen, es kommt die Subjektivität nicht in Betracht. Für die äußere Weltkonstellation ist dasjenige, was sich vollzieht, indem der Mensch räumlich lebt, ganz objektiv. Nun aber, wenn man ins Auge faßt, wie da der Mensch etwas aus dem subjektiven Erlebnis heraus objektiviert, so daß er dann, indem er mit seinem eigenen Selbst den Raum durchmißt, sich in einem Objektiven bewegt denn er trägt ja eigentlich, indem er den Raum verobjektiviert hat, diesen Raum auch in sich -, wenn man das ins Auge faßt, was da als in der Zeit verlaufende Seelenverfassung eigentlich vorliegt, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Wenn der Mensch dasselbe, was er da mit Bezug auf das Mathematisieren ausführen kann, auch ausführen könnte mit Bezug auf andere Erlebnisse, dann würde er ja gewissermaßen die mathematisierende Seelenverfassung in andere Erlebnisse hereintragen können. Nehmen wir einmal an, wir kämen dazu, nicht nur während unseres unbewußten Lebensganges - denn Aufrechtstehen- und Gehenlernen, Links und Rechts Zusammenorientieren gehören ja durchaus dem unbewußt verlaufenden Lebensgange an, und die Art und Weise, wie wir die Tiefendimension des Raumes ermessen, gehört dem halb unbewußt bleibenden Leben an -, sondern bewußt die subjektiven Erlebnisse so umzugestalten, daß wir dann mit dem umgestalteten Erlebnis außer uns stehend auf uns selbst zurückschauen könnten. Wenn wir nun ebenso, wie wir das Raumeserlebnis aus uns heraus schaffen und bilden, so daß wir, wenn wir einen Salzwürfel ansehen, wir ja die Gestalt des Würfels aus unserer Geometrie mitbringen und wissen, daß eine vollständige Identifizierung der Gestalt des objektiven Salzwürfels mit dem, was wir in der Raumesvorstellung gebildet haben, stattfindet - wenn wir ebenso anderes bilden könnten, wenn wir das zum Beispiel könnten mit Bezug auf die Sinnes Wahrnehmungen, mit Bezug darauf, wie wir die Sinnesqualitäten empfinden, die Farben, Töne und so weiter, und dann gegenübertreten würden den äußeren Gegenständen, dann würden wir in der gleichen Weise dasjenige, was wir erst in uns ausbilden, gewissermaßen herauswerfen in die Welt, uns damit außerhalb unseres Leibes versetzen und sogar auf uns zurückschauen können. Bei der Mathematik - ich habe das geometrische Bild angeführt, ich könnte auch anderes anführen - ist das zwar vollzogen worden, aber man achtet nicht darauf. Weder die Mathematiker noch die Philosophen haben dieses eigentümliche Verhältnis ins Auge gefaßt, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe.

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