{"corpus":"steiner","locus":"GA 82/1922-04-08/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwikkelung, so finden wir nämlich nicht immer dieselbe Seelenverfassung, die der Mensch heute hat. Heute hat eben der Mensch die Seelenverfassung, die ihn gewissermaßen als zu etwas Höchstem zur Ausbildung des Wissenschaftsgeistes führt. Wenn wir zurückgehen in den alten Orient - wir brauchen nicht einmal bis in die ältesten Zeiten des Indertums zurückzugehen -, da hat sich erhalten, was in älteren Zeiten Erkenntnisprinzip war. Da nannte man ganz anderes den Weg zur Erkenntnis als heute. In jenen älteren Zeiten - sogar die Sprachgeschichte kann das erhärten - kam sich der Mensch, indem er auf sich zurückschaute, nicht so vor wie der heutige Mensch, der heutige Mensch mit seinem ganz fest in sich durch das Denken erfaßten Selbstbewußtsein auf der einen Seite und der Erfassung des Mechanistischen durch die Beobachtung auf der anderen Seite. So hätte sich zum Beispiel der Mensch des Orients nicht fühlen können. Wie gesagt, selbst die Sprachgeschichte kann das bezeugen. Der Mensch des Orients fühlte sich zunächst als atmender Mensch, als atmendes Wesen. Ein Atmer, das war ihm der Mensch. Und der Atmungsprozeß war dasjenige, auf das der Mensch vorzugsweise in der Selbsterkenntnis, der Selbstanschauung hinblickte. Sogar die Unsterblichkeit brachte er mit dem Atmungsprozeß zusammen: Eine Art Ausatmung des Seelischen war der Eintritt des Todes. Der Mensch ein Atmer! Warum fühlte man in dieser älteren Seelenverfassung den Menschen als ein Atmungswesen? Weil man wirklich im Atmungsprozeß, der nicht so im Unbewußten verlief wie heute, im Ein- und Ausatmen das Leben verspürte. Die Vibrationen, den Rhythmus des Lebens, man fühlte sie im Atmen. Das Atmen war etwas, was man so spürte, wie man heute Hunger und Durst spürt. Aber es war ein fortwährendes Spüren im Wachzustand, dieser Atmungsprozeß. Und sah man mit den Augen, dann wußte man: jetzt geht der Atmungsvorgang bis in den Kopf, bis in das Auge. Das Schauen empfand man so, daß es durchströmt war von der Atembewegung. Ebenso eine Willensregung. Das Handausstrecken empfand man so, als ob es etwas wäre, was sich anschließt an die Atmungsbewegungen. Eine Ausbreitung des Atmens in den ganzen Leib spürte man als inneren Lebensprozeß. Sowohl die mehr theoretische Anschauung der Außenwelt durch die Sinne, sie fühlte man als beseelt vom Atem, wie man die Willensregungen als beseelt vom Atem fühlte. Der Mensch fühlte sich als ein Atmungswesen. Und weil er sich als ein Atmungswesen fühlte, weil er hätte sagen können, mein Atem wird so und so modifiziert, indem ich durch meine Augen sehe, durch meine Ohren höre, indem ich Wärmewirkungen empfange, weil er so überall in den Sinnesempfindungen differenzierte, modifizierte, metamorphosierte, verfeinerte Atmungsvorgänge erblickte, so war für ihn auch der Erkenntnisweg eine regelmäßige Ausbildung des Atmungsprozesses. Und diese war für jene älteren Epochen der menschlichen Erkenntnisentwickelung dasselbe, was heute unser Studieren ist an der Hochschule. Heute studieren wir in anderer Art. Dazumal, wenn man religiöse Befriedigung, wenn man Erkenntnisse erlangen wollte, studierte man, indem man den Atmungsprozeß gesetzmäßig umbildete; indem man, mit anderen Worten, das ausbildete, was später das Joga- Atmen, die Joga-Übung genannt wurde. Und was wurde da ausgebildet? Wenn man verfolgt, wozu nun derjenige gekommen ist, der das Joga-Atmen übte, um hinaufzukommen zu höheren Erkenntnis stufen, dann findet man etwas Merkwürdiges. Diejenigen, die so durch Joga- Übungen Gelehrte geworden waren - der Ausdruck ist uneigentlich auf diese älteren Verhältnisse angewandt, aber man kann vielleicht so sagen, und auch das Studium dauerte etwa so lange, wie unser Universitätsstudium dauert -, diejenigen, die auf diese Weise Gelehrte geworden waren, hatten in dieser Erkenntnis etwas in ihrer Seelen Verfassung ergriffen, was in einer späteren Zeit, zum Beispiel in der griechisch-römischen Zeit, als Ideenwelt angesehen worden ist und nunmehr wie von selbst da war; so da war in der menschlichen Seelenverfassung, daß man kein Joga mehr brauchte. Das ist ja das Interessante, daß dasjenige, wonach der Mensch in einer früheren Epoche mit allen möglichen Übungen streben muß, in späteren Epochen von selbst da ist in der Entwickelung. Da bedeutet es nicht mehr dasjenige, was es früher bedeutet hat. Als Sokrates, als Plato wirkten, bedeutete die Philosophie eines Plato, eines Sokrates nicht mehr dasselbe, was es für die alten Jogaschüler oder Jogalehrer bedeutet hätte, wenn sie zu den sokratischen oder platonischen Wahrheiten gekommen wären. Der Jogaschüler war durch sein Joga-Atmen nicht genau so organisiert, aber er war in der Seelenverfassung, in der Plato, Aristoteles oder Scotus Erigena waren. So sehen wir dasjenige, was in den ältesten Zeiten getrieben worden ist als geregelte Übungen des Atmungsprozesses, und wir sehen, daß eine gewisse anschauliche Begriffswelt das Ergebnis dieses Erkenntnispfades war. Man bekommt eigentlich von dem, was in der späteren Zeit in Heraklit, in Parmenides, in Anaxagoras lebte, eine richtige Vorstellung, wenn man sich sagt: Das ist dasjenige, was in diesem Zeitalter den Menschen als selbstverständlich gegeben war, und was in noch älteren Zeiten durch Joga erreicht wurde. Übungen waren es immer, wodurch man für ein Zeitalter die höheren Erkenntnisse anstrebte. So war das Anschauen der Welt in späteren Epochen so vorhanden, daß man nun nicht mehr den Atem wahrnahm, indem man sich selbst beschaute, sondern daß man wahrnahm, wie der Grieche wahrnahm. Ich habe darüber in meinen «Rätseln der Philosophie» Näheres ausgeführt. Da war es noch so, daß man sich nicht abgesonderte Gedanken über die Welt machte, sondern die Ideen waren mit den Sinneserlebnissen eine Einheit. Man sah seine Gedanken draußen, wie man Rot oder Blau draußen sah, wie man Cis, G, H hörte. Die Gedanken waren draußen in der Welt. Die griechische Weltanschauung versteht nur, wer das weiß. Aber man nahm nur Geist von Sinneswahrnehmungen durchdrungen, oder Sinneswahrnehmungen von Geist durchdrungen jetzt wahr, nicht mehr das Differenzierte des Atmungsprozesses. Wiederum aber strebte nun die Menschheit danach, auf all denjenigen Gebieten, wo man eben nach höheren Erkenntnissen strebte, eine höhere Stufe des Erkennens zu erreichen. Und diese Stufe wurde wiederum durch Übungen erreicht. Man hat ja gerade über die Zeit des ersten Mittelalters, über das Geistesleben des ersten Mittelalters heute ziemlich unbestimmte Vorstellungen. Allein ein so abstraktes Lernen, wie wir es heute tun, war dasjenige nicht, was ein mittelalterlicher Student trieb. Er sollte auch Übungen machen, und das gewöhnliche Lernen war auch mit Übungenmachen verbunden. Es war eine innerliche Praxis und Praktik, die durchzumachen war; allerdings nicht in einer so robusten Weise wie die Jogapraktik des Atmens, sondern es war eine schon mehr nach innen verlegte Praxis, aber doch eine Praxis. Ein Niederschlag, der heute wenig verstanden wird, hat sich erhalten in dem, was man im Mittelalter die sieben freien Künste nannte, die derjenige durchmachen mußte, der auf eine höhere Erkenntnis Anspruch machte.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag. 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