Zweiter Vortrag. Die Stellung der Anthroposophie in den Wissenschaften

GA 82/1922-04-08/p022 ·1922-04-08 · original (original)
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Und wozu kam man? Man kam allmählich dazu im Laufe der menschlichen Zivilisationsgeschichte, den Gedanken in Absonderung zu haben von der Sinneswahrnehmung. Das mußte erst errungen werden. Die Griechen haben den Gedanken noch in der Welt gesehen, wie man Farben und Töne sieht. Daß der Gedanke von uns als etwas von uns Erzeugtes erfaßt wird, als etwas, was nicht darinnensteckt in den Dingen, daß das so empfunden wurde in der Seelenverfassung und daß es heute so empfunden werden kann, das ist ein Ergebnis des Übens in der Grammatik, Rhetorik und so weiter bis zur Musik. Dadurch wurde der Gedanke losgelöst von den Dingen. Man lernte frei im Gedanken sich bewegen. Dadurch wurde endlich dasjenige herbeigeführt, was uns nun wiederum selbstverständlich ist, was wir heute haben ohne diese Übungen, was wir heute vorfinden, wenn wir an unsere Schulen kommen, was geboten wird in den einzelnen Wissenschaften, wie es gestern geschildert wurde. Und gerade so, wie man in den früheren Zeitaltern durch Übungen hat vorwärtskommen sollen - in älteren Zeiten durch die Joga-Atmungsübungen, später durch die Übungen, die von der Grammatik bis zur Musik liefen, so daß man aus den Joga-Atmungsübungen als Selbstverständlichkeit bekam die griechisch-lateinisehe Weltauffassung und aus den Übungen, die auf dem Wege von der Grammatik bis zur Musik gingen, den heutigen Wissenschaftsstandpunkt -, so kann das wiederum fortgesetzt werden, und zwar am besten, wenn man von dem Sichersten ausgeht, von der Mathematik, die ja heute als das Sicherste anerkannt wird. Wahr ist es, so verwunderlich es auch jenem Schriftsteller war, als ich sagte: An der synthetischen Geometrie habe ich hauptsächlich mir zum Bewußtsein gebracht den Hellseherprozeß. Es ist natürlich nicht so, daß derjenige, der synthetische Geometrie studiert hat, ein Hellseher ist, aber veranschaulichen kann man den Prozeß auf diese Weise. So verwunderlich es diesem Schriftsteller war, nicht erzählt zu bekommen, nicht zu hören zu bekommen etwas, was von solchen Leuten, die wahrsagen, erzählt wird, so ist es doch so, daß von demjenigen, worauf heute die Wissenschaft fest steht, Anthroposophie ausgeht, um es weiterzuführen; um gerade dasjenige, was als sichere Wissenschaft vorliegt, von dieser Grundlage aus, die sie selbst gelegt hat, nun weiter in die Gebiete des Übersinnlichen hineinzuführen. Wir müssen daher den Prozeß noch weiter verinnerlichen. Und ein noch mehr verinnerlichter Prozeß ist dasjenige, was ich als den Weg in die heutige hellsichtige Forschung schildern mußte in meinen Büchern «Geheimwissenschaft» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber gerade eine solche Geschichtsbetrachtung, wie ich sie angeführt habe, kann Ihnen zeigen, daß derjenige, der heute vollbewußt in der Anthroposophie drinnensteht, dieses Bewußtsein herholt aus einem Drinnenstehen im Gange der Menschheitsentwickelung; daß er nicht aus irgendeiner subjektiven Vorliebe oder Sympathie heraus behauptet: wir haben heute nötig, Übungen vorzunehmen, um fortzusetzen den Gang, der die Menschheit bis zum gegenwärtigen Standpunkte gebracht hat -, sondern daß er weiß, wie der Gang bis hierher war und wie er sich fortsetzen muß. Dieses historische Bewußtsein, dieses Bewußtsein vom Drinnenstehen im ganzen Menschheitsprozeß, das ist dasjenige, was dazukommt zu der Einsicht, die einem wird, wenn man innerlich, nicht äußerlich, den heutigen Wissenschaftsgeist in seine Seelenverfassung aufnimmt.

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