6. Anthroposophie und Agnostizismus
Dasjenige, was das eigentliche Mittelpunktswesen in uns Menschen bildet und dem wir zunächst so gegenüberstehen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, daß wir es gewissermaßen zusammenfassen in den einzigen Punkt, den wir dann mit dem Worte «Ich» zum Ausdruck bringen, dem stehen wir im gewöhnlichen Leben eigentlich doch zunächst als etwas Unbekanntem gegenüber. Und gerade die hier gemeinte und charakterisierte Erkenntnisweise führt nach und nach zu der für den Menschen zunächst erreichbaren Selbsterkenntnis. Ich möchte, damit ich verständlich mache, was ich eigentlich meine, einen Vergleich gebrauchen. Wir sehen, wenn wir mit unseren Augen um uns herumschauen, die Dinge durch das Licht, das selber übersinnlich ist, das aber in seinen Auswirkungen in den Farben die Gegenstände uns für diesen einen Sinn wahrnehmbar macht. Aber wir können sagen, wir sehen auch dasjenige, was — etwas uneigentlich gesprochen - nicht vom Licht beschienen ist. Wenn wir irgendwo eine weiße Fläche haben und in der Mitte einen Punkt, dann sehen wir, wie wir uns vorstellen können, durch die Lichtwirkung das Weiß. Wir gewahren aber auch den schwarzen Punkt, dasjenige, was uns als Dunkles, als Finsteres gegenübertritt. Wir wissen etwas von diesem schwarzen Punkt. So ungefähr ist es, wenn wir uns richtig besinnen, im gewöhnlichen Leben mit unserer Ichwahrnehmung. Wir nehmen die Dinge um uns herum wahr. Wir bringen auch aus unserem eigenen Seelenleben Gedanken, Gefühle, Willensimpulse zu unserem Bewußtsein. Das ist gewissermaßen das Beleuchtete. Aber dasjenige, was in alledem für uns auch in das Bereich dessen gehört, wovon wir reden, das Ich, das nehmen wir eigentlich nur als einen schwarzen Fleck wahr. Von dem wissen wir zunächst im gewöhnlichen Bewußtsein nur dadurch, daß wir eben nichts wahrnehmen. Ich möchte den Vergleich noch weiter ausdehnen. Ich möchte Sie erinnern, wie Sie Ihr ganzes bisheriges Erdenleben eigentlich zusammensetzen müssen in der Erinnerung aus denjenigen Partien, die Sie überschauen, weil Sie sie durchlebt haben im wachen Zustande. Wenn Sie aber zurückschauen, so verbinden Sie gewissermaßen in einer einzigen kontinuierlichen Strömung der Rückerinnerung diese während des Tagwachens verbrachten Erlebnisse. Aber diesen Erlebnissen gliedert sich ja überall dasjenige ein, was verflossen ist, während Sie im Schlafe, sagen wir im traumlosen Schlafe, waren. Und die Träume gehören ja auch meistens zum Vergessenen, so daß wir überhaupt sagen können: während Sie im Schlafe waren. Sie müßten eigentlich in der Rückerinnerung immer diese Zwischenpausen mitvorstellen, wenn Sie den vollständigen Strom Ihrer Erlebnisse vor Ihre Seele hinstellen wollten. Nun aber haben wir gestern gesehen, daß ja das Ich mit dem Astralleib - das ist das eigentliche Seelenwesen mit seinem Zentrum, dem eigentlichen Selbst - vom Einschlafen bis zum Aufwachen außerhalb des physischen Leibes weilen. Sie treten aus ihrer Unbewußtheit, in der sie sind während des Schlafens, nur heraus, wenn sie sich nicht selbst überlassen sind, sondern wenn sie untertauchen können in den Ätherleib, den Zeitleib, und in den Raumes- oder physischen Leib. Mit Hilfe dieser Stützen -— Werkzeuge können wir sie nicht in richtigem Sinne nennen, wie wir gestern gesehen haben - haben sie in sich aufleuchtend die Gedanken, die Vorstellungen und durch die Vorstellungen auch, allerdings mehr traumhaft und auch schlafend, dann die Gefühlserlebnisse und Willensimpulse. Dazu also, daß das Ich und der astralische Leib wirklich dasjenige, was sie in sich haben an Kräften, entfalten, dazu ist ja ihr Untertauchen in den Ätherleib und in den physischen Leib nötig. So also erinnert man sich im gewöhnlichen Bewußtsein, wenn man zurückschaut auf das Erdenleben, eigentlich niemals an die wahre Gestalt von Ich und Astralleib, sondern nur an dasjenige, was entsteht, wenn dieses Ich und dieser Astralleib an dem physischen und dem Ätherleib Stützen haben.