6. Anthroposophie und Agnostizismus
Nur um Ihnen zu zeigen, daß Anthroposophie wahrhaftig nicht etwas ist, was nur im Unbestimmten herumschwefelt und -schwafelt, sondern daß sie etwas ist, was in die ganz konkreten Tatsachen der Welt eingeht, möchte ich Ihnen ein kleines Beispiel anführen, wo auch ein Willensimpuls vorliegt. Es ist dieses Beispiel aus der Sprache hergenommen. Wir haben - ich will ein charakteristisches Wort wählen, ich könnte auch ein anderes Wort wählen -, wir haben das deutsche Wort «hier». Ich sage: «Die Schachtel liegt hier.» Was geht da eigentlich im menschlichen Organismus vor, wenn es zum Aussprechen des Wortes «hier» kommt? Das erste, was da vorgeht, das ist, daß im Unterbewußten zunächst ergriffen wird dasjenige, was im Atem lebt. Und dieses, was im Atem lebt, das ist nun der Gedanke. Der Gedanke lebt im Atem. Erst dann haben wir eine reale Vorstellung vom Gedanken, wenn wir wissen aus der anthroposophischen Erkenntnis heraus, daß der Gedanke in der Atemluft wirklich leben kann, daß er eine Kraft ist, die auf die Atemluft wirken kann. Man kommt erst dann zu all den Schwierigkeiten der Psychologie, physisch genommen, wenn man nicht in diese Einzelheiten eingehen kann. Wenn man freilich glaubt, daß der Gedanke unmittelbar einen Knochen heben soll, also auf die physische Materie wirke in solch robuster Weise, kommt man nicht zurecht. Wenn man aber weiß, daß der Gedanke etwas ist, was sich auf dem Umweg durch das Wärmeelement überträgt auf das Luftelement, dann das, was dort erregt wird, sich fortsetzt in den übrigen Organismus hinein, dann kommt man dazu, zu erfassen, was mit einem Willensimpuls da ist. So daß wir sagen können: Wir haben zunächst das Erlebnis des Atmens. Dieses Erlebnis bleibt unbewußt. Erst die hier charakterisierte Erkenntnis kann es heraufheben. Dann tritt das zweite hinzu: Wir erleben innerlich dasjenige, was sich nun fortsetzt aus dem Atemprozeß in das flüssige Element des Organismus hinein. Wir erfahren dasjenige, was in dem Sprachorganismus eine Richtung bedeutet. Beim Arm würde es bedeuten ein Ausstrecken des Armes. Das nehmen wir wahr in dem i. Da also nehmen wir die von Gedankenluft ausgehende Fortsetzung in das wäßrige Element hinein wahr, gewissermaßen die Streckbewegung. Wir schauen durch Imagination den Übergang von der Atembewegung in die Streckbewegung. Und dann wird diese Streckbewegung geformt im r. Würde ich nur sagen «hie», so würde ich das aufzeichnen müssen: 1. Atemvorgang 5, 2. Streckbewegung ie (es wird die Horizontale gezeichnet). Soll ich aber jetzt die Streckbewegung so aufzeichnen, wie sie erlebt wird unbewußst, wenn ich «hier» ausspreche, so muß ich so zeichnen: Ich nehme den Atemvorgang wahr, nehme die Richtung des Streckens wahr, die wird nicht ausgeführt, sondern die rollt dahin im r. Und dann habe ich dasjenige wirklich innerlich erkennend erlebt, was als Willensimpuls vorhanden ist beim Aussprechen des Wortes «hier». So können wir diejenigen Willensimpulse, die in der Sprache sich ausleben, durchaus verfolgen, wenn wir mit der Imagination hineinschauen in das ganze Weben und Walten desjenigen, was als Seelisches den physischen Leib und den Äther- oder Bildekräfteleib durchzieht.