{"corpus":"steiner","locus":"GA 82/1922-04-12/p012","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir dann zur Intuition aufsteigen, dann gewahren wir noch etwas anderes. Dann gewahren wir: Da ist eine Gesetzmäßigkeit in der Welt, die nichts mehr zu tun hat mit der physischen Gesetzmäßigkeit, aber eine Gesetzmäßigkeit, die durchaus den Menschen ergreift. Ich kann mich vielleicht über diesen Tatbestand in der folgenden Weise am besten aussprechen: Wenn man im späteren Lebensalter zurücksieht auf die Weise, wie das Erdenleben verflossen ist, dann findet man ja, man ist eigentlich - wenn man ehrlich ist gegen sich selbst, muß man es gestehen — nichts anderes als dasjenige, zu dem man hier im physischen Erdendasein geworden ist durch die Erlebnisse. Bedenken Sie nur: einzig aus diesem Leben heraus. Bedenken Sie, wie Sie denken gelernt, wie Sie fühlen gelernt haben, wie Sie vielleicht zu dem oder jenem angeregt worden sind dadurch, daß Sie mit einem bestimmten Menschen in einem bestimmten Lebenszeitpunkte zusammengetroffen sind, was wiederum zurückgewirkt hat vielleicht bis in Ihre Charakterbeschaffenheit. Fügen Sie zueinander alle diese einzelnen Erlebnisse, die Sie durchgemacht haben, und fragen Sie sich, ob Sie nicht in bezug auf das, was Sie zunächst für die äußere Welt sind, etwas anderes geworden wären, wenn andere Erlebnisse in Ihr Dasein eingetreten wären. Wenn Sie diesen Gedankengang ordentlich durchmachen, dann werden Sie sehr bald sehen, wie von Anfang an in Ihnen etwas gelebt hat, das Sie unbewußt hingezogen hat zu demjenigen, was so wichtig geworden ist in Ihrem Leben. Es ist interessant, wie manchmal Menschen, die ein gewisses Lebensalter erreicht haben, und die ihr Leben nicht dazu verwandt haben, es zu verträumen, sondern um die Tatsachen des Lebens, die an sie herangetreten sind, in einem tieferen Sinne zu erfassen, wie solche Menschen, wenn sie zurückblicken auf ihr Leben, dazu kamen - Goethes Freund Knebel war zum Beispiel ein solcher Mensch -, sich zu sagen: Blicke ich da zurück auf mein Leben, so ist ja alles wie planvoll geordnet. Das kleinste Ereignis könnte eigentlich nicht darin fehlen, wenn ich genau derselbe in meinem Erdendasein sein sollte, der ich eben heute bin. Würde das kleinste Ereignis fehlen, so würde eben eine vielleicht geringe Veränderung da sein, aber eine Veränderung. Man denke nur einmal, was, sagen wir, der sechzigjährige Goethe gewesen wäre, wenn er nicht die italienischen Erlebnisse durchgemacht hätte. Bei Goethe kann man es geradezu mit Händen greifen. Er ist Ja nicht nach Italien gezogen aus Laune, sondern weil eine tiefe Sehnsucht in ihm vorhanden war. Aber diese tiefen Sehnsuchten sind nicht nur so, wenn wir sie genau analysieren wollen, daß wir sie immer erklären können, das Folgende aus dem Früheren, sondern sie werden mit uns geboren. Wir finden wirklich etwas Planvolles im Leben. Darüber könnte man sich natürlich zunächst täuschen. Ich habe das nur angeführt, weil man schließlich sich durch die gewöhnlichste Betrachtung nähern kann demjenigen, was nun die intuitive Erkenntnis gibt. Die intuitive Erkenntnis gibt wirklich eine volle Einsicht nicht nur in dasjenige, was da nun seelisch waltet in unserem Organismus, sondern sie gibt eine Einsicht auch in dasjenige, was als das Zentrum, das Ich, das eigentliche Selbstwesen in uns arbeitet. Und dieses Selbstwesen, das zeigt sich eben dann vor der intuitiven Anschauung auf der dritten Stufe der übersinnlichen Erkenntnis. Es zeigt sich so, daß wir wirklich nicht passiv den Tatsachen der Außenwelt gegenüberstehen, sondern daß wir zu ihnen hingezogen werden durch dasjenige, was in uns veranlagt ist und zwar jetzt nicht durch Vererbung, sondern aus dem tiefsten Zentralseelenwesen heraus, das in uns aus einer geistig-seelischen Welt hereingezogen ist bei der Geburt und einen physischen Erdenleib angenommen hat. Durch intuitive Erkenntnis kommt man darauf, daß dieses Ich tatsächlich nicht so in das Erdenleben tritt, daß es ganz passiv hingegeben sein müßte den zufällig an es herantretenden Tatsachen, sondern daß es von der einen Tatsache stark angezogen, von der anderen stark abgestoßen wird. Es sucht sich geradezu seine Wege in der Welt. Kurz, es wird geboren, indem es die Veranlagung zu seinem Schicksal in sich trägt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"6. Anthroposophie und Agnostizismus","site_heading":null,"date":"1922-04-12","location":null,"word_count":649,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/82/1922-04-12/p012","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/82/1922-04-12/p012"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/82/1922-04-12/p012","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}