6. Anthroposophie und Agnostizismus

GA 82/1922-04-12/p030 ·1922-04-12 · original (original)
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Sie sehen also, ich hätte auf der einen Seite nunmehr auch dasjenige vorbringen können, was ich in Stuttgart vorgebracht habe, wie ich vorher sagte. Ich hätte sagen können: Die Vorstellungen werden schwach innerhalb des Agnostizismus, denn sie sind nur passiv hingegeben der äußeren Welt. Dadurch aber, daß wir schwache Vorstellungen haben, haben wir auch schwache Gefühle. Die Gefühle leben im Menschen so, daß er sie selber aufpeitschen muß. Da werden sie sentimental, oder aber sie bleiben stumpf, so daß sie unwahrhaftig werden. Die Gefühle werden also nebulos, sentimental oder aber stumpf. Dadurch ist ein Zug von Naturalismus oder Unwahrhaftigkeit in unsere Kunst hineingekommen, weil die Kunst von der Gefühlswelt besonders ausgeht. Dadurch fehlt es uns aber heute, weil die Vorstellungen nicht als starke Kräfte in die Willensimpulse hineingehen, an richtiger Entschlossenheit. Namentlich an Entschlossenheit gegenüber der Aufnahme von etwas Neuem. Wir lassen das, was uns ungewohnt anmutet, als Sensation an uns vorübergehen. So geht es im Grunde genommen seit zwanzig Jahren mit der Anthroposophie. Viele Menschen haben sie gehört, aber sie können sich nicht entschließen, aus gewohnten Seelenerlebnissen heraus, es mehr sein zu lassen als eine Sensation. Der Agnostizismus macht uns bis in den Willen hinein schwach. Er macht uns sogar dem religiösen Erleben gegenüber heute schwach. So kommt es, daß viele Menschen, die lange Zeit gestrebt haben, ein elementares religiöses Erleben zu haben, doch wiederum untertauchen in die traditionellen Religionsbekenntnisse. Wie viele ehrlich strebende Menschen sind in letzter Zeit zum Katholizismus zurückgekehrt. Oder man kehrt zur orientalischen Mystik zurück. Weil der Agnostizismus unsere Vorstellungen schwach macht, fühlt man sich nicht stark genug zu elementaren religiösen Erlebnissen.

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Cite: GA 82/1922-04-12/p030 · edition original