6. Anthroposophie und Agnostizismus

GA 82/1922-04-12/p035 ·1922-04-12 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Im Grunde genommen liegt das in unserer gegenwärtigen sozialen Weltgestaltung. Millionen und Abermillionen von Menschen, namentlich der Proletarierkreise, sehen die Wirklichkeit nur noch in den äußeren, wirtschaftlichen Phänomenen. Dasjenige, was geistig ist — Recht, Sittlichkeit, Kunst -, es ist nichts, wie sie sagen, als ein ideologischer Überbau, etwas, was bloß wie ein Scheingebilde, eine Ideologie aufsteigt. Und so sind wir denn fortgeschritten in der agnostizistischen Richtung bis zu dem, wo man von Ideologie spricht. Ich, der ich viel tätig war gerade innerhalb proletarischer Kreise, ich habe es erlebt, in welchem Sinne da von Ideologie gesprochen wird, was ja im Grunde genommen wiederum nur die Schuld ist derjenigen, die heute auch aus der Wissenschaftsrichtung heraus von allem Geistigen, zwar nicht ganz klar, nicht ganz ehrlich, aber doch eigentlich im Sinne einer Ideologie sprechen. Wir sind am entgegengesetzten Pol der Menschheitsentwickelung angelangt im Vergleich zu dem, bei dem einstmals die orientalische Weltanschauung war. Die sprach von Maja und von der wahren Wesenheit. Alles dasjenige, was nur für die Sinne zugänglich und erreichbar ist, war ihr Maja, war die Illusion. Und das Reale, das wahrhaft Wirkliche war dasjenige, was nun über dem Sinnlichen für den Menschen erfaßbar ist. Heute stehen wir in einer Weltanschauung drinnen, die genau das Umgekehrte darstellt. Für diejenigen, die Agnostiker sind, ist die Sinneswelt das einzig Reale. Sie könnten zu demjenigen, was über die Sinneswelt hinaus erfaßbar ist, ebenso gut Maja wie Ideologie sagen. Wir sollten dieses Wort so übersetzen. Unsere Maja ist das Geistige; einstmals war die Maja die Summe der Sinneserscheinungen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/82/1922-04-12/p035.json
Cite: GA 82/1922-04-12/p035 · edition original