6. Anthroposophie und Agnostizismus
Was folgt daraus, wenn wir wirklich zu diesem reinen Denken aufsteigen und in ihm unsere moralischen Impulse fassen? Nun, wenn ich hier einen Spiegel habe, darinnen Bilder, so können die Spiegelbilder mich nicht durch Kausalität zu irgend etwas zwingen. Will ich mich durch Spiegelbilder zu irgend etwas veranlassen lassen, ist mein Denken in der Weltenentwickelung der Menschheit so weit fortgeschritten, daß es wirklich nur Bildcharakter hat, dann enthält es für mich nicht mehr Kausalität. Dann wird das reine Denken, wenn ich moralische Impulse habe, gebildet zu Impulsen der menschlichen Freiheit. Dadurch, daß wir zum Phänomenalismus gekommen sind, damit aber zum reinen Bilddenken, und dadurch, daß wir aus der Kraft des reinen Bilddenkens moralische Impulse fassen können, gehen wir auch durch das Stadium der Freiheit. Wir erziehen uns die Freiheit in unser Menschenwesen ein, indem wir diese Phase menschlicher Entwickelung durchmachen. Das wollte ich darstellen in meiner «Philosophie der Freiheit». Wir werden aber nur frei, wenn wir ein Denken haben, das Bilddenken ist, das ganz im physischen Leibe verläuft, wie ich es beschrieben habe. In dem Augenblick, wo wir weiter zurückschauen, blicken wir nicht auf Freiheit, sondern auf Schicksal. Sie sehen, hier findet sich die Möglichkeit, zu erkennen dasjenige, was wir menschliches Schicksal nennen, weil es im Unbewußten waltet, weil wir erst auf sein Walten kommen, wenn wir zur Intuition aufsteigen. Weil wir in diesem Schicksal geistige Gesetze finden, die durch die wiederholten Erdenleben wirken, haben wir in ihm ein geistig Notwendiges. Aber indem wir in das Erdenleben hiineinsteigen, heben wir uns für gewisse Handlungen heraus aus der Notwendigkeit, richten uns nur nach dem bildenthaltenden Denken und werden in der gegenwärtigen Epoche der Menschheit dadurch zur Freiheit erzogen. Es ist kein Widerspruch, wenn man in die Sache richtig hineinsieht, zwischen Schicksalsmäßigkeit und Freiheit. Allerdings, um den Schicksalsbegriff später vor die Welt richtig hinstellen zu können, dazu war notwendig, daß zuerst in der «Philosophie der Freiheit» der Freiheitsbegriff hingestellt worden ist.