{"corpus":"steiner","locus":"GA 83/1922-06-05/p010","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das ist die eine Richtschnur, an die sich jede heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung zu halten hat. Die andere kann damit bezeichnet werden, und es ist in diesen Tagen auch schon auf sie aufmerksam gemacht worden, daß man sagt: Eine heute ernst zu nehmende Welt- und Lebensauffassung darf sich nicht verlieren an eine nebulose Mystik. Es ist schon einmal so, daß auch edle Geister der heutigen Zeit, indem sie sehen, wie der Naturwissenschaft Grenzen gezogen sind und von ihr aus nicht der Aufschwung in die geistige Welt zu erhalten ist, sich der Mystik, besonders älteren Formen des mystischen Strebens der Menschheit, in die Arme werfen. Das kann aber gegenüber den anderen Erkenntnisanforderungen, die der Mensch heute haben muß, durchaus nicht der rechte Weg sein. Denn Mystik will durch Hineinschauen in das menschliche Innere zu den eigentlichen Untergründen des Daseins kommen. Aber gerade in bezug auf dieses Hineinschauen in das menschliche Innere sind nun wiederum der menschlichen Erkenntnis Grenzen gezogen. Nehmen wir an, der Mensch wäre in der Lage, in sein Inneres ohne Grenze einfach hineinzuschauen, hineinzuschauen bis dahin, wo sich das tiefste Wesen der menschlichen Natur offenbart, wo der Mensch in Verbindung steht mit den ewigen Quellen des Daseins, wo er sein eigenes individuelles Dasein an das kosmische angliedert. Was könnte dann der Mensch wiederum nicht haben? Nun, diejenigen, die gerade eine oftmals große innere Befriedigung an der Mystik haben, holen ja aus ihrem Innern das Mannigfaltigste heraus. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was so aus dem menschlichen Innern herausgeholt wird, sich bei einem genaueren Zusehen für den wirklichen Seelenkenner doch zuletzt entpuppt als etwas, was auf irgendeiner Außenbeobachtung beruht, dann in unterbewußte Untergründe untergetaucht ist, von Gefühl und Wille und organischem Geschehen durchsetzt worden ist und dann in veränderter Gestalt wieder heraufkommt. Irgend etwas, was wir beobachten, kann eine solche Umwandlung, eine solche Metamorphose erfahren, daß der Mystiker glaubt, er hole aus den Tiefen seiner Seele etwas herauf, was zeigen muß, wie die ewigen Gründe der Seele selber sind. Selbst solche bedeutsamen Mystiker wie der Meister Eckhardt oder Johannes Tauler sind nicht im vollen Sinne freizusprechen von dem Irrtum, der unterläuft, indem man veränderte Vorstellungen des gewöhnlichen Bewußtseins für selbständige Offenbarungen der menschlichen Seele hält.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Anthroposophie und Kosmologie","site_heading":null,"date":"1922-06-05","location":null,"word_count":371,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/83/1922-06-05/p010","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/83/1922-06-05/p010"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/83/1922-06-05/p010","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}