Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie
Wie eine tiefe geistige Mahnung tönt herüber aus dem griechischen Altertum das Wort, an den Menschen gerichtet: «Erkenne dich selbst!» Und man darf wohl dieses Wort beziehen auf die allgemeine Menschenerkenntnis, nicht so sehr auf die persönliche, und es wird damit die Menschenerkenntnis gewissermaßen als der Gipfel bezeichnet alles menschlichen Wissens und Strebens. Und wir können ja auch fühlen aus der Art und Weise, wie dieses Wort zu uns herübertönt, daß es nicht bloß im wissenschaftlich-theoretischen Sinne gemeint ist, sondern daß es durchaus gemeint ist als ein geistiges Mahnwort im moralisch-religiösen Sinne. Und man möchte sagen: Nach Ablauf einer vieles in sich schließenden geistigen Entwickelungsepoche der Menschheit steht heute vor unserer Seele eine Art Gegenwort. Dieses Gegenwort ist zwar schon vor nahezu fünfzig Jahren ausgesprochen und heute in einer gewissen Weise sogar vergessen worden, aus dem Bewußtsein der Menschen entschwunden. Dennoch lebt die ganze moderne Seelenverfassung, dasjenige, was man heute als die großen Seelenkonflikte in sich trägt, unter dem Einfluß dieses neueren Wortes. EsistdasWort, das Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, das Wort: «Wir können nicht erkennen», das Wort: «Ignoramus, Ignorabimus». Wenn auch viele heute hinaus zu sein glauben über das Bekenntnis zu diesem Worte; in der Art und Weise, wie wir uns erkennend und glaubend als Menschen zur Welt verhalten, steckt noch heute intensiv dieses Wort dahinter. Es ist gewissermaßen das ausgesprochene oder unausgesprochen bleibende Bekenntnis zu den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung in ihrer Bedeutung für eine allgemeine Welterkenntnis und Lebensansicht.