{"corpus":"steiner","locus":"GA 84/1923-04-30/p005","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Überblickt man dasjenige, was auf den verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft geleistet worden ist, so wird man sich sagen: diese Naturwissenschaft strebt ja natürlich auch darnach, wiederum zurückzukommen zum Menschen. Sie strebt darnach, ihre Methoden anzuwenden auf das Wesen des Menschen. Aber sie kann nicht mehr als das äußerliche, körperliche, leibliche Wesen des Menschen erforschen. Wir sehen das am besten dann, wenn die naturwissenschaftliche Methode an den Menschen herangeht, zur experimentellen Seelenkunde wird, und mit einer wirklich großartigen naturwissenschaftlichen Forschungsmethode heute zu Werke geht. Wir sehen da, wie die seelischen Äußerungen in der menschlichen Konstitution untersucht werden. Aber wir werden gewahr, daß wir durch alle diese Untersuchungen gerade an dasjenige nicht herankommen können, was das Ewige in der Menschennatur genannt werden kann, was dasjenige in der Menschennatur genannt werden muß, demgegenüber der Mensch die tiefe Sehnsucht in sich trägt, es in seiner wahren Wesenheit zu erkennen, und von dem er zunächst wenigstens Hoffnung hat, daß es sich für ihn ergibt als über die Grenze des irdischen Lebens, als über Geburt und Tod hinausliegend und hinauswirkend. Nichts soll hier gegen solche experimentelle Methoden, wie die der experimentellen Seelenkunde, eingewendet werden. Gerade der Boden jener Forschung, von dem aus ich mir erlaube, heute abend zu Ihnen zu sprechen, erkennt diese Methoden in ihrer vollen Gültigkeit an. Aber gerade weil sie von diesem Gesichtspunkte aus auch in ihren Grenzen durchschaut werden können, deshalb muß gesagt werden, daß diese Methoden an das eigentliche Wesen des Seelisch-Geistigen nicht herantreten können. Und das war es auch, was einzelne einsichtige Forscher zu dem Bekenntnisse nötigte, daß die Naturwissenschaft eben an das nicht heranreichen kann, was auf der einen Seite das Wesen der Materie selbst, auf der anderen Seite das Wesen des menschlichen Bewußtseins ist. Aber wenn der Mensch nicht erforschen kann, wie sein Bewußtsein, das heißt sein in ihm wirkendes Seelisches, die Materie ergreift, dann muß er Abschied nehmen von jener großen Forderung: «Erkenne dich selbst!» Dann hätten wir abgeschlossen jenen Zeitraum menschlicher Geistesentwickelung seit dem griechischen Altertum mit dem Mahnworte «Erkenne dich selbst!» als einer zwar schönen, gewaltigen — aber dennoch nur einer Illusion der Menschheit. Dann müssen wir bekennen: diese Forderung ist nicht zu erfüllen. Je tiefer man eindringt in den Geist der Naturforschung, desto mehr muß man vom Gesichtspunkt der Anthroposophie recht geben denjenigen, welche vom «Ignorabimus» der Naturwissenschaft sprechen, welche davon sprechen, daß der Naturforschung eben Grenzen gezogen sind, die sie ihrerseits nicht überschreiten kann. Es fragt sich aber, ob das menschliche Gemüt sich ohne weiteres bei der Feststellung solcher Grenzen beruhigen kann und ob es von vornherein dasjenige, was in dieser Beziehung das Menschenherz an Wünschen in sich trägt, als etwas besonders Vorurteilsvolles nicht zu berücksichtigen sucht.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie","site_heading":null,"date":"1923-04-30","location":null,"word_count":444,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p005","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p005"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/84/1923-04-30/p005","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}