{"corpus":"steiner","locus":"GA 84/1923-04-30/p018","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Gewiß, für das äußere Leben kann nur der Wachzustand in Betracht kommen, und je mehr sich die Zivilisation zugewendet hat der bloßen Beachtung des äußeren Lebens, desto mehr gibt sie etwas auf die Beobachtung des wachen Zustandes. Aber für das Leben der Menschen selbst — das haben auch schon besonnene Philosophen zugestanden - ist dasjenige, was geschieht in dem reichlichen Drittel des Erdenlebens, das wir verschlafen, nicht minder wesentlich als das, das wir durchwachen. Aber es zeigt sich anschaulich erst dann, wenn wir die die Dinge bezeichnenden Grenzen nach dem Ringen mit der Natur durch letzte Vorstellungen . durchbrochen haben. Dann geschieht das, daß der leere Erlebnisraum, den wir sonst durchschlafen, der sonst außer dem Träumen ein Nichts für uns enthält, daß sich dieser leere Erkenntnisraum mit Inhalt anfüllt, daß wir lernen, auf dasjenige hinzuschauen, was sich sonst in die Finsternis des Schlafes hüllt. Wie wir zurückschauen können auf das, was sich im Wachen als jene Erkenntnis gibt, die wir als physisch-sinnliche Menschen mit der Erde und ihren Erscheinungen erlebt haben, so ergibt sich jetzt die Erkenntnis geistig-seelischer Art von jenem Zustande, in dem der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen steht. Es erhellt sich die Finsternis zwischen Einschlafen und Aufwachen, dieses Drittel unseres Lebens wird uns durchsichtig, und das, was wir erblicken, das ist dann unser wahres Ich, die Gestalt von Denken, Fühlen und Wollen. Wir erblicken dasjenige, was in uns, ohne daß es unser Bewußtsein weiß, fortwährend arbeitet an unserem geistig-seelischen Menschenwesen, und wir durchschauen den Inhalt als dasjenige, was durch die Pforte des Todes von uns getrennt ist, wenn wir den physischen Leichnam ablegen. Indem uns der Schlaf durchsichtig wird, lernen wir erkennen die wahre Natur der menschlichen Unsterblichkeit. Wenn wir durch das Mystische hindurchschauen, wenn wir weitergehen als die gewöhnliche Mystik, lernen wir das vorgeburtliche Wesen des Menschen kennen, wenn wir Naturwissenschaft ehrlich nehmen, aber zu ringen anfangen an der Grenze, lernen wir kennen, was der Mensch an unsterblichem Dasein in sich trägt. Und so setzt sich für uns das Menschenwesen in seiner Entwickelung zusammen, indem wir gewissermaßen in dieser Art sehen, wie ein vorgeburtliches Menschenwesen hineindringt in die physische Menschenorganisation, ich möchte sagen, immer mehr und mehr in dieser physischen Menschenorganisation untergeht, wie die physische Menschenorganisation immer mächtiger und mächtiger wird, wie dasjenige, was durch die Geburt eingezogen ist in den Menschen, im physischen Menschendasein in der weiteren Entwickelung des Menschen immer mehr und mehr schwindet, wie sozusagen der Mensch von dieser Seite aus immer mehr und mehr ein physisch-leibliches Wesen wird. Aber in demselben Maße, in dem diese Entwickelung verläuft, in demselben Maße, in dem der uns angeborene Geist, die uns angeborene Seele in dem physischen Leibe untertauchen, so taucht auf dasjenige, was uns, wenn wir den Schlaf betrachten, als das zukünftige Wesen des Menschen erscheint.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie","site_heading":null,"date":"1923-04-30","location":null,"word_count":462,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p018","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p018"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/84/1923-04-30/p018","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}