Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie

GA 84/1923-04-30/p020 ·1923-04-30 · original (original)
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Eine solche Erkenntnis, wie ich sie eben geschildert habe, unterscheidet sich allerdings von der Erkenntnis, die an das Nervensystem gebunden ist, die im wesentlichen eine Kopferkenntnis ist. Und gestatten Sie mir, daß ich eine persönliche Bemerkung mache, die aber vollkommen sachlich ist. Indem man als Geistesforscher versucht, in dieses Gebiet einzudringen, das ich bezeichne als Welten, die man vor der Geburt und nach dem Tode zu durchlaufen hat, ist man sich bewußt: Du kommst nicht aus mit demjenigen Denken, das dir sonst im Leben dient, du mußt ein erkraftetes Denken entwickeln, das den ganzen Menschen in Anspruch nimmt. — Man wird nicht zum Medium dadurch; aber es muß doch der ganze Mensch von einem solchen Denken in Anspruch genommen werden. Ein solches Denken dringt in das Empfinden, in das Gefühl ein, beansprucht sogar, daß der Mensch sich ihm mit seinem ganzen Willensinhalt ergibt. Dabei ist das Denken über geistige Inhalte wiederum so, daß man es nicht in gewöhnlicher Weise dem Gedächtnis einverleiben kann wie ein anderes. Auch da mache ich eine persönliche Bemerkung: Sehen Sie, wenn der Geistesforscher einen solchen Vortrag hält, wie ich hier, dann kann er einen solchen nicht wie sonst wissenschaftliche Vorträge vorbereiten. Dann würde er nur an das Gedächtnis appellieren. Aber was durch eine solche Vertiefung entstanden ist, das läßt sich nicht dem Gedächtnis einverleiben, das muß in jedem Augenblick immer wieder erlebt werden. Es kann zwar heruntergebracht werden in jene Regionen, wo wir über unsere Erkenntnis Worte machen, aber man muß sich mit seinem ganzen Menschen darum bemühen. Und deshalb ist es von mir tief erlebt, daß ich nun nur in der Lage bin, dasjenige, was mir gelingt in der geistigen Welt zu forschen, der menschlichen Sprache einzuverleiben, — und indem man es der menschlichen Sprache einverleibt, so verleibt es sich auch dem Gedächtnis ein; es gelingt mir nur, wenn ich einige Striche zeichne oder aufschreibe, so daß nicht nur der Kopf, sondern auch die ganzen anderen Organsysteme beteiligt sind. Man muß das Bedürfnis fühlen, das eine oder das andere zu Hilfe zu nehmen, denn man kommt nicht zurecht, es fluktuiert, wenn man es mit dem Kopfe fassen will. Das Wesentliche daran ist, daß ich dem Gedanken durch Striche Ausdruck verleihe und ihn so fixiere. So kann man bei mir ganze Wagenladungen von alten Notizbüchern finden, die ich nie wieder ansche. Sie sind auch nicht dazu da, sondern damit dasjenige, was ich mit Mühe aus dem Geiste herausgeholt habe, so weit gebracht werden kann, um es in Worte einzukleiden und es damit an das Gedächtnis heranzubringen. Hat man es geschrieben, hat man mit etwas anderem in seinem Organismus an der geistigen Produktion teilgenommen als bloß mit dem Kopfe, mit den Gedanken, dann ist man imstande, dasjenige, was einem entfliehen will, festzuhalten. Die übrige Organisation des Menschen ist ja zunächst unbeteiligt, unbewußt schlafender als die Kopfvorgänge, und wenn wir irgend etwas unserem Willen einverleiben, so nehmen wir jene Organe in Anspruch, die in einem solchen Zustande befindlich sind, den wir im Wachzustand als schlafend bezeichnen. Wir wachen ja eigentlich nur in unseren Gedanken, in unseren Vorstellungen, denn wie dasjenige, was wir vorstellen, als Willensentschluß hinunterdringt in unseren Organismus, um ganz zur Hand- oder zur Fingerbewegung zu werden, bleibt im gewöhnlichen Bewußtsein ganz in Finsternis getaucht. Was zwischen dem Vorgang im Gehirn bis zur Bewegung geschieht, das wird nur der Geistesforscher erkennen. Und so vertraut man eben die geistige Erkenntnis, die nicht gewöhnliches Kopfwissen ist, der ganzen menschlichen Organisation an. Dadurch, daß man sich aus dem ganzen Menschen heraus Menschenerkenntnis erwirbt, ist man imstande, diese Menschenerkenntnis, die das Vorgeburtliche und Nachtodliche dinghaft nehmen kann, in ganz anderer Weise auf das praktische Leben anzuwenden, als man ohne diese wahre Erkenntnis des Menschenwesens dazu imstande ist.

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