Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie
Kurz, dasjenige, was wir Gedächtnis nennen, macht eine Metamorphose durch, indem das Kind den Zahnwechsel um das siebente Lebensjahr passiert. Es macht eine Metamorphose durch von dem mehr physisch-leiblichen Erleben zu dem geistig-seelischen Erleben. Wer einmal einsetzt mit einer solchen Beobachtung, dem ergeben sich weitere, die ungeheuer charakteristisch sind für die weitere Menschenentwickelung. Da sieht man zum Beispiel, wenn man Beobachtungsinstinkt sich erworben hat, wenn man sich einverleibt die Erkenntnis der geistigen Forschung, daß das Kind bis zum Zahnwechsel ein nachahmendes Wesen ist. Natürlich, man darf solche Dinge nicht grob nehmen, aber das Kind ist in dem ersten Lebensabschnitt gewissermaßen ein einziges großes Sinnesorgan. Wir können das ganze Leben des Kindes im ersten Lebensabschnitt vergleichen mit einem einzigen Sinnesorgan, wir können es vergleichen mit der innerlichen Organisation des Auges. Wie das Auge aufnimmt das ÄAußereund durch Aufwendung der Willenskraft, durch das Werkzeug des Organischen innerlich aufbaut das Bild von dem, was als Eindruck auf das Organische ausgeübt wird, so ist das Kind fortwährend bestrebt, in Nachahmung, die herauskommt aus der inneren Wesenheit, das wiederzugeben, was in seiner Umgebung vorhanden ist. Das Kind ist ganz Sinnesorgan, ganz wirkendes Sinnesorgan. Weil eben das ganze Wesen des Kindes als Sinnesorgan wirkt, wird von dem Kinde nicht nur dasjenige aus seiner Umgebung nachgeahmt und innerlich durchlebt, in träumerischem Zustande, ganz unbewußt, was äußerliche Bewegung, Geste, was Sprachlaut ist, was Gedanke im Sprachlaut ist, sondern es ergibt sich immer — und das ist das Eigentümliche - von diesem Ausgangspunkte: Das nachahmende Kind beobachtet die moralische Bedeutung der Geste, die Vater und Mutter machen. Die moralische Bedeutung zum Beispiel des Gesichtsausdruckes hat ihre Gegenäußerung im Sinne des Kindes, sie gräbt sich ein in das Kind, in die physische Organisation. Bis in die Gefäße hinein organisiert sich das Kind, indem es mitfühlt, was in seiner Umgebung geschieht. Erst wenn man die Tragweite dessen ins Auge fassen wird, wird man in Wirklichkeit unterscheiden können, was ererbt ist und was in dieser Weise in der ersten kindlichen Lebensepoche nachahmend aus der Umgebung erworben wird. Dann wird man jene wunderbare Wechselwirkung sehen zwischen der Umgebung und dem Kinde, und der wirkliche, für den nüchternen Erkenner mystische Begriff der Wissenschaft von der Vererbung wird auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden können. Da zeigt sich aber auch, welche besondere Natur der Mensch hereinbringt, indem er als geistig-seelisches Wesen durch die Geburt in das Erdendasein hereintritt mit einem Ätherleib, womit man etwas bezeichnet, was dem heutigen Vorstellungsleben ungewohnt ist. Dasjenige, was das Kind charakterisiert, ist ein leiblichreligiöses Wesen. Es ist tatsächlich so, daß das Kind mit seinem Leibe an die physische Außenwelt und deren moralischen Inhalt hingegeben ist, wie wir in der religiösen Stimmung an etwas, das sich uns als göttlich erweist, hingegeben sein können. Es ist in einer leiblich-religiösen Stimmung; weil diese Stimmung lediglich leiblich-religiös ist, hat sie natürlich nicht die Stimmung der Frömmigkeit und dergleichen Zustände in sich, die dann später zur seelischen Religiosität werden. Aber können wir die Entwickelung des Menschen verfolgen, so sehen wir, wie dasjenige, was im Leibe west bis zum Zahnwechsel, dann verändert erscheint, wie dasjenige, was in der ersten Epoche ganz im Leiblich-Physischen beschlossen ist, in Fühlens- und Willensimpulse einzieht. Und wenn wir das Kind in die Volksschule bringen, müssen wir uns klar werden: da macht das innere Leben des Kindes eine Metamorphose durch. Da wird das, was leiblich-physisches Erleben war, nach dem erwähnten Schlußpunkte, den der Zahnwechsel bildet, was in der leiblich-physischen Entwickelung aufgetreten ist, zum Teil zurückgelassen und tritt in anderer Form als Seelisch-Geistiges auf, tritt auf als Seele und Gefühl. Dasjenige, was zuerst in den Wachstumskräften war, in den plastisch gestaltenden Kräften, was als Geistig-Seelisches im Leibe gewirkt hat im Zahnwechsel, von dem löst sich ein Teil los und verwandelt sich in das freie Seelisch-Geistige nach dem Zahnwechsel. Und was wir als das Wachstum bezeichnen, was im Leibe gewirkt, stufenweise wandelt es sich um in das Geistig-Seelische. Wenn wir dies beachten und wenn wir ausgerüstet sind mit dieser Erkenntnis, dann stehen wir als Lehrer und Erzieher mit unserer ganzen Gesinnung und unserem ganzen Wissen dem zu erziehenden Kinde richtig gegenüber. Dann wissen wir, daß in diesem physisch-leiblich-sinnlichen Wesen, das für seine Umwelt in einer religiösen Hingabestimmung ist, wie in dieses hereinwächst einem Leiblich-Religiösen gegenüber das geistig-seelische Wesen, das im vorirdischen Dasein da war. Versetzen wir uns einmal in die Seele eines Erziehers, der dem Kinde so gegenübersteht. Er wird sich seiner Verantwortung bewußt sein, er weiß, daß ihn die Geisteswelten heruntergeschickt haben, um ein Wesen, das er durch seine leiblichen Äußerungen zu erraten, zu enträtseln hat, zu leiten. Er wird so vor dem Wesen stehen, daß er sich in Hingabe hergibt, mitzuhelfen, daß alles dasjenige, was im Kinde mitgebracht ist aus geistigseelischen Welten, wirklich zur Erscheinung kommen kann. Und mit Ehrfurcht vor seinem Berufe wird der Erzieher vor dem Kinde stehen, da er mit jedem Monat, mit jedem Jahr sieht, daß das alles, was es sich mitgebracht hat aus der geistig-seelischen Welt, sich verwandelt zum Physisch-Leiblichen. Und er wird hinschauen auf die Art und Weise, wie er auf das Kind wirken kann, und er wird gewahr werden können dasjenige, was leiblich-physisch war vor der Umwandlung, in der ersten Epoche bis zum Zahnwechsel; in der zweiten Epoche, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, wandelt es sich als Übergang in das Seelische, und erst mit der Geschlechtsreife wandelt es sich um in das Geistige. Der Mensch tritt uns dann so entgegen, daß, was in seiner Organisation in den ersten Kindesjahren erlebt worden ist, sich nun auslebt in seiner geistigen Erfassung der Welt: das Leiblich-Religiöse wird geistig-religiös. Jetzt merken wir den Zusammenhang, wie dasjenige, was leiblich ist, seelischgeistig wird. Jetzt spekulieren wir nichtmehr über Physisch-Leibliches, über Geist und Seele, jetzt sehen wir, wie in den verschiedenen Lebensaltern in der Menschenentwickelung das eine Mal das Geistig-Seelische sich unmittelbar offenbart, das andere Mal sehen wir, wie das geistig-seelische Ewigkeitswesen im Leiblich-Physischen wirkt. Jetzt gewinnen wir Menschenanschauung auf Grundlage der Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, auf Grund einer Menschenbeobachtung, die zur Grundlage einer richtigen Menschenerziehung wird.