{"corpus":"steiner","locus":"GA 84/1923-04-30/p026","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ich habe das, was ich geschildert habe, nur skizzenhaft dargestellt, aber es nimmt sich so aus, daß man von Tag zu Tag in neuer Gestalt an dem Kind beobachten kann durch den pädagogischen Instinkt, der durch die Arbeit mit dem Kind, am Kind entsteht, daß man dadurch ablesen kann, wie das kindliche Leben verläuft; daß man ablesen kann, was man in jeder Woche, in jedem Monat zu tun hat, daß man es sich von der Wesenheit des Menschen diktieren läßt, was man als Erzieher an das Kind heranzubringen hat: zum Beispiel, daß zunächst, wenn man das Kind in die Volksschule gibt, das Kind in dieser Entwickelungsphase einen ganz selbstverständlichen Widerwillen hat gegen das unmittelbare Schreiben- und Lesenlernen. Und das kann man begreifen. Bedenken Sie, daß ja diese sonderbaren Zeichen, die wir Buchstaben nennen, durch die wir lesen und schreiben, die ja etwas dem Menschen ganz Fremdes sind, entstanden sind aus den ursprünglichen Schriftzeichen in einer langen Kulturentwickelung. Die ursprüngliche Schrift ist ja entstanden aus den Bildern und Zeichen von dem, was sie darstellte; sie war noch näher im Ausdruck dem, was sie bedeutete; da war sie noch ähnlich dem, was man unmittelbar wahrnahm. Das Kind, das zur Schule kommt und die abgeleiteten Schriftzeichen lernen soll, fühlt keine Verwandtschaft mit den seinem Empfinden fremden Zeichen. Dieses Verständnis erwacht erst mit der Geschlechtsreife und ist ein ganz anderes als das zwischen dem sechsten und achten Jahre und zwischen dem vierzehnten, fünfzehnten, sechszehnten Lebensjahre. Das Kind, weil es erst seelisch da ist, ist angewiesen auf das Bildhafte, das sich ihm so ergibt, wie die Sinneswahrnehmung und Sinnesanschauung. Erkennt man dies, dann wird man für dieses Lebensalter die richtigen Erziehungsimpulse hereinbringen; dann muß man aber zu jenen Dingen übergehen, zu denen wir übergingen in unserer Schulpraxis in unserer Schule in Stuttgart. Es handelt sich darum, das Kind zu einem malenden Zeichnen, zu einem zeichnenden Malen zu bringen. Man muß sie sich nicht nur mit dem Kopfe, den Augen betätigen lassen,sondern mit dem ganzen Menschen beschäftigen lassen, und es ist wunderbar, was herauskommt an merkwürdiger Bildhaftigkeit, was die Kinder zeichnend malend, malend zeichnend erreichen. Lenkt man das in richtiger Weise, so kann man herausentwickeln aus dem, was den Kindern nahe liegt, die Buchstaben, das Schreiben, das Lesen. Wir lassen das Lesen nach dem Schreiben lernen, weil beim Lesen der Mensch nur kopfmäßig beteiligt ist, beim Schreiben jedoch mit dem ganzen Menschen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie","site_heading":null,"date":"1923-04-30","location":null,"word_count":396,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p026","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/84/1923-04-30/p026"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/84/1923-04-30/p026","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}