Die Menschenentwickelung und Menschenerziehung im Lichte der Anthroposophie
Das ist ein Beispiel, wie wir versuchen, aus Menschenerkenntnis heraus in praktischer Pädagogik und Didaktik dasjenige zu erreichen, was Menschenerziehung erreichen soll. Derjenige, der da schaut, wie der Mensch veranlagt ist in bezug auf sein religiöses Leben, der findet auch die Möglichkeit, die sittlich-religiösen Impulse hereinzubringen. Auf diese Weise enthüllt sich dann das Folgende: Es ist merkwürdig, wie Kinder, die zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr stehen, im ersten Drittel des zweiten Lebensabschnittes, wie solche Kinder in diesem Lebensabschnitte etwas durchmachen. Das alles spielt sich unbewußt ab. Wir sehen, wie das Kind, indem es den Zahnwechsel überschritten hat, den Übergang findet vom nachahmenden Wesen zu demjenigen Wesen, das auf die Autorität des Erziehers und Lehrers hin sich alles aneignet. Sie werden demjenigen, der vor dreißig Jahren die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, glauben, daß er nicht an Sie herantreten wird als ein Anwalt für die Autorität, aber gerade, wenn man aus jener «Philosophie der Freiheit» erkannt hat, was Freiheit bedeutet, dann kann man auch ermessen, daß es aus der Gesetzmäfßigkeit des Menschen heraus ist, daß das Kind vom Zahnwechsel an bis zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife ein Wesen ist, das vollkommen nachahmt dasjenige, was es beim Lehrer oder Erzieher sieht. Wir sehen, daß es nicht nur durch die Sprache sich nach ihm richten will, aus seiner inneren Gesetzmäßigkeit heraus, sondern daß es nach der ganzen menschlichen Lebensäußerung sich nach ihm richten will. Wenn das Kind sich in dieses notwendige, selbstverständliche Autoritätsgefühl hereingelebt hat, sieht man, wie es zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr ein Art Krisis durchmacht. Alles geschieht gefühlsund empfindungsgemäß, es gibt sich nicht Rechenschaft darüber; aber das Kind kommt an den Erzieher heran und will etwas Besonderes. Und wenn wir es in Worte kleiden wollen, so meint das Kind: Bis dahin war das Schöne schön, weil der Lehrer und Erzieher es für schön gehalten hat, bis dahin war das Wahre wahr, weil der Lehrer und Erzieher es für wahr gehalten hat. - Von diesem Zeitpunkte an aber empfindet es: Wer rechtfertigt diese Autorität vor der gesamten Welt, woher hat sie das Wahre und Schöne als wahr und schön? Das Kind macht eine Krisis durch, es weiß nichts von dem, was ich hier formuliert habe, empfindet nur so etwas. Und wir müssen als Lehrer und Erzieher diesen Moment beobachten, daß das rechte Wort, wenn nötig, fort und fort gesprochen werde vom Erzieher zum Kinde. Denn es handelt sich darum: Von demjenigen, was wir da tun in diesem Krisisaugenblicke, hängt das ganze spätere Leben ab, ob es lebensfreudig und sicher ist oder ob es fremd und innerlich wie gelähmt ist.