22. Paulinisches Christentum Und Johanneisches Christentum
Nun komme ich zu einer Hypothese - ich will es vorerst Hypothese nennen -, ich meine die Worte: «gelitten unter Pontius Pilatus». Wir haben sie von den Schriften, die der Zeit entstammen, wir wissen von den Vorgängen aber nichts. Wir wissen, dass Pilatus, wenn auch nicht in Jerusalem, so doch im assyrischen Reich existiert hat. Aber das kann uns doch nicht überzeugen, dass sich ein ganz merkwürdiger Prozess abgespielt haben muss. Wir können also nicht anders, als das Apostolische Glaubensbekenntnis aufzufassen als umgeprägten Initiationsritus. Der zweite Logos ist zur Persönlichkeit umgewandelt. Wie kommt nun «gelitten unter Pontius Pilatus» da hinein? Sie brauchen nur einen einzigen Buchstaben aus Pontius wegzulassen und statt Pontius nur Pontus zu sagen und Pontus in der Bedeutung von See zu nehmen. Es erscheint dies zwar etwas gewagt. Aber solche Einschiebungen — nennen Sie es nicht Fälschungen, denn sie sind im besten Glauben gemacht -, sie sind in den ersten Jahrhunderten alle Augenblicke vorgekommen. Dieses Bekenntnis schildert die verschiedenen Stadien der Initiation nach den Mysterien-Ritualien. Die sind aber an verschiedenen einzelnen Orten, fast immer an einem See abgehalten worden. Es ist immer auch gesagt worden, dass sich diese Dinge an irgendeinem See da oder dort zugetragen haben. Wir müssten uns daher geradezu wundern, wenn beim Umprägen eines Mysterien-Rituals der Umstand, dass der Vorgang an einem See sich abgespielt hat, nicht darin zu finden sein würde. Wir haben also Grund anzunehmen, dass wir es mit der [Anschauung eines Initiationsprozesses] zu tun haben, sodass es nichts anderes bedeuten würde als das Herabsteigen [des Logos] in die Materie oder des Durchmachens des Vorganges der Initiation.