24. Über Scotus Eriugena

GA 87/1902-04-26/p007 ·1902-04-26 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Auch wenn die Mitschrift noch nicht die später übliche Genauigkeit aufweist» (Even though the transcript does not yet have the accuracy usual later). The publisher's description of the volume, as mirrored on AnthroWiki (GA 87), which calls the cycle the earliest of which a listener's transcript exists. The translation is the maintainer's, not a published one.

Allerdings handelt es sich schon um den großen Kampf, den die zentralisierte katholische Kirche gegen solche Anschauungen führt. Die christliche Lehre ist [noch] nach allen Seiten hin flüssig. Es finden noch Debatten statt, wie die verschiedenen Dogmen aufzufassen sind. Bei Scotus Eriugena sieht man deutlich, dass man damals noch eine freie Auslegung der Bibel haben konnte. Er ist ein vollständig theosophischer Interpret der Bibel. Er führt die Sätze des Alten und Neuen Testamentes als Symbol an für geistige Vorgänge neben der geschichtlichen Seite. Er wählt diejenigen Symbole und Deutungen aus, welche besser seinen eigenen Anschauungen entsprechen. Diese freie Sitte schwand [im Laufe der Zeit] in der katholischen Kirche, schwand immer mehr. Der verwaltungsmäßig festgelegte Glaube macht sich immer mehr und mehr geltend. Als eine Tradition war es indessen bewahrt worden, dass nur derjenige berufen war, die Bibel und die Lehren der Kirche zu interpretieren, der eine gewisse hohe Stufe des Lebens erreicht hatte. Ich glaube nicht, dass es leicht sein würde nachzuweisen, dass sich geradezu laienhafte Interpretationen der Schrift hätten geltend machen können; ich glaube nicht, dass jemand gewagt hätte, das Dogma zu kritisieren, der es nicht schon durch sein Weisheitsstreben versucht hatte. Der Glaube an die Autorität galt als etwas Selbstverständliches. Das, was zum Beispiel der heilige Augustinus geschrieben und gesagt hatte, wurde nicht als die Meinung eines einzelnen Menschen angesehen, sondern als eine Lehre, die uns gegeben war durch die Innewohnung der Weisheitskraft in einem solchen Menschen. Diese Anschauungen müssen der Intention nach begriffen werden.

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