Einzelne Bemerkungen und Ergänzungen
*Zu Seite 35.* Von «Lebenskraft» sprechen galt noch vor kurzer Zeit als ein Merkmal eines unwissenschaftlichen Kopfes. Gegenwärtig beginnt man da und dort auch wieder in der Wissenschaft der Idee einer solchen «Lebenskraft» nicht abgeneigt zu sein, wie sie in älteren Zeiten angenommen worden ist. Wer den Gang der wissenschaftlichen Entwicklung in der Gegenwart durchschaut, wird aber doch die konsequentere Logik bei denjenigen sehen, welche in Anbetracht dieser Entwicklung von «Lebenskraft» nichts wissen wollen. Zu dem, was man gegenwärtig «Naturkräfte» nennt, gehört «Lebenskraft» durchaus nicht. Und wer von den Denkgewohnheiten und Vorstellungsarten der gegenwärtigen Wissenschaften nicht zu höheren übergehen will, der sollte nicht von «Lebenskraft» sprechen. Erst die Art des Denkens und die Voraussetzungen der «Geisteswissenschaft» machen es möglich, widerspruchslos an solche Dinge heranzutreten. Auch solche Denker, die ihre Anschauungen auf einem rein naturwissenschaftlichen Boden gewinnen wollen, haben gegenwärtig den Glauben verlassen, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch für die Erklärung der Lebenserscheinungen nur solche Kräfte gelten lassen wollte, die auch in der leblosen Natur wirksam sind. Das Buch eines so bedeutenden Naturforschers wie Oscar Hertwig: «Das Werden der Organismen. Eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie», ist eine weithin leuchtende wissenschaftliche Erscheinung. Es widerspricht der Annahme, dass die bloßen physikalischen und chemischen Gesetzeszusammenhänge das Lebendige gestalten können. — Bedeutsam ist es auch, dass im sogenannten Neovitalismus sich eine Anschauung geltend macht, die für das Lebendige wieder besondere Kraftwirkungen gelten lässt, ähnlich wie es die älteren Anhänger der «Lebenskraft» taten. — Aber niemand wird auf diesem Gebiete über schemenhaft abstrakte Begriffe hinausgelangen, der nicht anerkennen kann, dass sich das im Leben über die unorganischen Kräfte hinaus Wirksame nur in einer Wahrnehmung erreichen lässt, die zum Anschauen eines Übersinnlichen aufsteigt. Nicht auf eine gleichartige Fortsetzung des auf Unorganisches gerichteten naturwissenschaftlichen Erkennens in das Lebensgebiet hin kommt es an, sondern auf die Erringung einer andersgearteten Erkenntnis.
Cite:
GA 9/bemerkungen_und_ergänzungen/p001 · edition original