XLV. Okkulte Forschung über die Evangelien
Wenn wir zu den Persern kommen, so finden wir da das heilige Buch der Perser, das Und gehen Sie nach Babylonien, so werden Sie wieder finden, dass da ein Buch ist — «Buch» ist ungefähr dasselbe wie Wort, die Lehren wurden damals mündlich fortgepflanzt -, Oanes, das den alten Priestern geoffenbart hat alles, was sie zu ihrer religiösen und weltlichen Kultur brauchten. Wenn Sie zu all diesen Völkern und ihren Religionen zurückgehen, so werden Sie den Begriff des Wortes finden. Sie werden finden, dass der Begriff des Logos bei Ihnen vorhanden ist, genauso wie er im späteren, geheim gelehrten Judentum vorhanden ist. Aber Sie werden dabei eines finden, dass bei all diesen alten Völkern, die den Begriff des Logos vor dem Judentum anwenden, dieses Wort Logos etwas viel Lebensvolleres hat, und dass es im Judentum zu etwas Abstraktem wird. Der Perser stellte es sich so vor, dass das Wort verkündigt dem Magier von lebendigen Wesen, von Engeln, Devas. Sie sind die Träger des Wortes. Die Devas sind es, welche bei den Indern das Wort in die irdische Welt hineintragen. Da wird dann noch der Bote mitgedacht. Es ist das lebendige Wort, welches ausgesprochen wird von Gott und hinuntergebracht wird zu den Menschen durch göttliche Sendboten, durch Devas oder Engel. Ähnlich ist es auch bei den Babyloniern. Alles, was sich zwischen Gott selbst und den Menschen schiebt, ist durch eine besondere Mission der Weltgeschichte, die volle Berechtigung hat, im jüdischen Bekenntnis ausgelöscht. Das jüdische Bekenntnis löscht den vertraulichen Umgang mit all den Mittelwesen aus, welche zwischen Gott und dem Menschen stehen. Gott wird zu dem jenseitigen Jehova, von dem sich niemand ein Bild machen darf, und das, was der Mensch von ihm wissen darf, ist das Gesetz, das er gegeben hat. Das ist der Logos, der nur zu einer Vorstellung im Menschen werden kann; das ist der ganz abstrakte, schemenhaft gewordene Logos. Dieser Tatbestand liegt vor. Aus dem Judentum mit seiner Auffassung der Logos-Lehre und der Gesetzeslehre heraus hatte der Jünger, den Jesus lieb hatte, die Wahrheit zu verkünden: dass dieser Jesus, der da gelebt hat unter seinen Jüngern, selbst der Bote, der Sohn Gottes war. Mit anderen Worten: Wie früher Devas, Engel und so weiter Träger des Wortes waren, so ist es jetzt so geworden, dass der Christus gewordene Jesus das Fleisch gewordene Wort war. Schwer war es in jener Zeit, da in der folgenden Zeit der Zusammenhang mit den Mittelgliedern zwischen Mensch und Gott verlorengegangen war, dieses verständlich zu machen: Der Logos war Fleisch geworden, der Logos war Gott selbst. Wir sehen, dass bis ins dritte Jahrhundert hinein eine Sekte sich gebildet hat, die entschiedener Gegner des Johannes-Evangeliums war. Sie nannten sich Alogoi; sie wollten nichts wissen davon. Diese Alogoi bestanden schon im zweiten Jahrhundert, und das Johannes-Evangelium hatte damals viele Gegner. Woher kommt es, dass das Verständnis für das Johannes-Evangelium verlorengegangen ist? Das begreifen wir nur, wenn wir uns klar machen, wie sich der Mensch in früherer Zeit zu seinen Göttern gestellt hat. Brahma und die anderen Götter, sie waren nichts anderes als das, was in der Welt und mit der Welt lebt; sie waren genau das, was sich in jedem Einzelnen Ding und vor allem in jedem einzelnen Menschen kundgibt. Zwar ist der Mensch ein schwaches Wesen, aber der Mensch entwickelt sich höher und höher, und der Gott, der in dem Worte ist, kommt immer mehr und mehr zum Ausdruck. Das ist kein Pantheismus, kein verwaschener Gottesbegriff, auch keine Leugnung des Gottes, sondern ein Begriff, so erhaben, wie er nur erhaben sein kann. In einer Benennung ist es noch erhalten, in «Pontifex maximus, der Brückenmacher, der Priester. Und warum das? Weil er ein entwickelterer Mensch sein musste, ein solcher, der das innere Selbst schon eine Stufe [höher] hatte als die anderen, ein Mensch, der eine höhere Entwicklung erreicht hat. Wer zu forschen versteht, kann es schon geschichtlich belegen, dass die alten Götter der Griechen ursprünglich Menschen waren, Menschen, die ursprünglich gelebt haben und die so vorgestellt worden sind, dass sie sich zu einer höheren Stufe der Göttlichkeit hinaufgearbeitet haben. So war es auch bei den Persern. Auch sie hatten Wesen wie die Devas und Engel, welche graduell verschieden waren, die aber eine Stufe weiter führten — hinauf. Auch der Mensch konnte göttlich werden. Er konnte hinauf gelangen zu der Stufe, wo sich in seiner eigenen Brust das Wort enthüllt; da gab es für denjenigen, der sich soweit entwickeln konnte, eine Vereinigung des Logos in seiner eigenen Brust mit dem Logos draußen. Er konnte aufsteigen mit dem Logos-Bewusstsein. Er konnte es erreichen, dass der Logos selbst Fleisch wird. Das war eine Vorstellung, die die Völker damals verstehen konnten. Sie konnten verstehen, dass durch eine weitergehende Entwicklung das Bewusstsein des inneren Wortes erhalten werden kann, das Wort, durch das alle Dinge gemacht sind, das bei Gott war ursprünglich, welches das Leben der Menschen wie das Leben der ganzen Welt war - und dieses Wort wurde das Licht des Menschen. Es leuchtete im Innern des Menschen auf, und die es aufnahmen, wurden genannt «Kinder Gottes. So sehen Sie, dass im Johannes-Evangelium anklingt, dass im Menschen der Logos bewusst werden kann und dass jene, welche sich dieses Zustandes bewusst werden können, Söhne Gottes genannt werden. Deshalb sagte er an anderer Stelle: Ihr seid Götter —, und er erklärt damit, warum er sich einen Sohn Gottes nennt. Wenn wir das festhalten, so hatte Johannes zwei Dinge zu geben, erstens dass das uralte Bewusstsein, dass der Mensch ein Gottesbewusstsein in sich hat, zum Ausbruch kommen, zum Erlebnis werden kann, und zweitens, dass derjenige, der in Palästina gelebt hat, die Offenbarung desselben Logos war, der in jedem Menschen lebt im Allgemeinen und der als Logos unter die Menschen gekommen ist. Von ihm hatte man zu begreifen, dass er an diesem ausgezeichneten Ort und zu der ausgezeichneten Zeit zum Logos geworden ist. Nur den Logos verstanden sie, mit dem sie aber keine Verbindung mehr wussten. Und weil sie die Verbindung mit dem Menschen nicht mehr wussten, deshalb wurde es ihnen schwer, den Logos, der Fleisch geworden ist, zu verstehen. Es musste daher der griechische Standpunkt, der die Vergöttlichung des Menschen im eigenen höheren Dienst entwickelt, und der von dem alexandrinischen Christentum vermittelt werden. Davon musste der Ausgang genommen werden. Diese zwei Dinge mussten verknüpft werden. Der Logos, der sich nur als Gesetz offenbaren kann, der musste vermittelt werden mit dem ursprünglichen Logos-Begriff. Wenn Sie das festhalten, so werden Sie begreifen, dass zwei Strömungen notwendig sein mussten im ursprünglichen Christentum. Die eine war diejenige Strömung, welche noch nicht entfremdet war dem ursprünglichen Begriff des Logos-Bewusstseins, welche festhält, dass die Entwicklung des Menschen gerade hinaufführt zu der Göttlichkeit und dass der Logos zu begreifen ist. Diese stand neben der anderen Strömung, welche den Logos in blauer Ferne sah, die den Logos nur als eine Offenbarung von außen ansehen konnte und die daher schwer verstehen konnte, dass der Logos Mensch geworden ist. Für diese zwei Strömungen mussten andere Begriffe geschaffen werden, sodass dieser eine Logos «Jesus wesenseins gewesen sei als Mensch mit dem Logos als Gott. Nur dadurch konnte ein Verständnis herbeigeführt werden. Diese beiden Strömungen lebten nebeneinander. Man kann sagen, die eine Strömung verstand das Johannes-Evangelium, die andere verstand es weniger. Sie hielten zwar auch daran fest, aber sie interpretierten es anders. «Denen gab er Macht, «Gottes Söhne zu werden» — das wurde nicht verstanden. Das hatte aber Arius auf dem Konzil zu Nicäa zu vertreten. Er vertrat die Wesenseinheit des Logos mit Jesus und den Keim des Gottes im Menschen. Die andere Strömung machte das Wort des Fleisch gewordenen Gottes zum Dogma und zum Bestandteil der Dreieinigkeitslehre, welche etwas ganz anderes geworden ist, als ihre ursprüngliche Bedeutung war. Diese Strömung suchte die Offenbarung in ein solches Licht zu rücken, dass nur die Kirche sie vertreten konnte, da sie über alle menschlichen Verstandeskräfte hinausgehe. Auf dem Konzil von Nicäa wurde das Johannes-Evangelium falsch angenommen gegen die arianische Auffassung. Seit dem Mittelalter hat die Scholastik gelehrt, frei von aller sinnlichen Erfahrung zu denken, aber auch noch selbstlos, hingebungsvoll an einem vorhandenen Wort mit Treue zu hängen und nicht eigensüchtige Kritik und den eigensüchtigen Verstand geltend zu machen. Das ist etwas, was Jahrhunderte hindurch der christliche Denker hingenommen hat, eine Schulung, die gut war, eine Schule in hingebungsvollem Denken. Das verstehen diejenigen nicht, die heute - ohne sie zu kennen - über die Scholastik abfällig reden und sie verachten. Wer die Scholastik kennt, der weiß, was hier an selbstlosem Denken geleistet wurde, wo der Betreffende nicht sagt: «Ich, ich habe das gefunden, ich bin berufen, hier unbedingt eine Überzeugung zu finden!», sondern wo er sagt: «Was bin ich, wer ist es und was ist es, wenn ich da denke, wenn die Lehre vom Geist gegeben war». Da wurde aller selbstsüchtige Intellekt hingeopfert für die Erkenntnis einer Lehre, die selbstlos sich der Wahrheit hingab. Dazu musste uns die Überlegung führen, dass unser Geschlecht uralt ist, dass die Menschen immer und immer gedacht haben, und dass nicht auf uns gewartet worden ist, auch nicht auf das, was wir vorbringen werden. Lernen wir in den Schriften der Väter forschen, dann werden wir uns reif machen, die wahre Gestalt immer mehr und mehr zu erkennen. Ein demütiges Wahrheitssuchen ist es, was die Bewegung der Theosophischen Gesellschaft, die die Erforschung des Johannes-Evangeliums heben will, überall will. Wir wissen, dass das Devotionelle in unserer Zeit besonders fehlt. Diejenigen, die für diese Strömung sprechen, wissen, dass sie es selbst gelernt haben in ihrem Suchen nach Wahrheit: demütig zu sein, devotionell zu sein. Das ist ein Erlebnis, das nicht einer, sondern viele durchgemacht haben. Sie haben sich die Wissenschaft zu ihrer eigenen gemacht. Sie haben die Wahrheit da und dort gesucht, in der Naturwissenschaft, in der Philosophie, in der Geschichtswissenschaft. Sie wissen die Methoden, die da und dort befolgt werden. [...] Wer aber, ich möchte sagen, das Glück hatte, etwas tiefer zu gehen, der weiß, dass in der Wissenschaft unserer Tage - sei es Philosophie, Naturwissenschaft, Medizin, Theologie und so weiter -, derjenige, der sie in sich aufgenommen hat, nicht mehr glaubt: «Ich bin berufen zu entscheiden.» Wenn wir demütig geworden sind, dann lesen wir noch einmal das Buch des Johannes-Evangeliums, dann werden wir finden, dass manches zwar anders abgeschrieben ist von dem Schreiber, als es war, aber man dachte es durch nach materialistischen und auch höheren Gesichtspunkten und fand, dass wir den Sinn nicht auf unserem Plane finden. Das ist nicht so, als wenn ich rhetorisch etwas schön sagen wollte, sondern ich spreche das unter voller Verantwortung im Sinne derjenigen, die die heutige Wissenschaft aufgenommen haben, und dann, nachdem sie das getan, sich vertieft haben in dieses Buch der Weisheit, in dieses Buch der Wahrheit. Da haben sie eines gefunden, sie haben gefunden, dass, als sie daran gingen, dieses Buch zu studieren, ihnen die Wahrheit in einer hohen Form entgegenströmt, und dass alle ihre Gelehrsamkeit der heutigen Zeit ihnen nur dienen kann, die Glorie dieser Wahrheit in sie einströmen zu lassen. Aber das ist noch nicht alles. Es kommt dazu, dass für die, welche solche Erlebnisse haben, ein Neues sich einstellt, dass sie sich bewusst geworden sind, dass - sooft sie wieder zum Johannes-Evangelium zurückkehren, dass sie jedes Mal gestärkt und gekräftigt worden sind. Wenn sie so vom Johannes-Evangelium zurückkommen, dann bekommen sie das Gefühl, dass die Wahrheit, die darinnen liegt, ein Unendliches ist, dass es etwas ist, das von unendlicher Tiefe ist. Und sie sagen sich: Hier bin ich ein Anfänger, auch die Fortgeschrittensten unserer Tage sind hier Anfänger. Sie haben es erlebt, dass sie Anfänger sind. Das gibt einen Offenbarungsbegriff, nicht in dem Sinne des Mittelalters, aber einen solchen, der das Tor zur Wahrheit, die Pforte zur Wahrheit — wie Jesus gesagt hat —, ein Quell der Wahrheit ist. Das Johannes-Evangelium ist einer der Führer. Dies zum Grundsatz zu machen und es in weitesten Kreisen wahr zu machen, das ist die Aufgabe des Johannes-Evangeliums und der Johannes-Gesellschaft. Jemand, der weiß, was hier zu suchen ist, was hier zu lernen ist, der darf aus vollem Herzen sich dieser Johannes-Gesellschaft und diesem Studium des Johannes-Evangeliums anschließen.
Cite:
GA 90a/1904-07-18/p033 · edition original