XXXVIII. Das Vergängliche und das Ewige
Die Wahrheit, welche der Mensch sucht, ist zu allen Zeiten dieselbe gewesen; aber die Menschen sind nicht immer dieselben; und so sind zu allen Zeiten, je nach der Entwicklung der Menschheit, die Antworten auf die Fragen nach der Wahrheit verschieden gegeben worden. Die Geistesrichtung, welche uns heutzutage die Antwort auf die Frage nach dem Ewigen in heute angebrachter Weise geben will, nennt man die theosophische. Sie ist in den letzten vier Jahrzehnten zur Entfaltung gelangt. «Theosophie heißt wörtlich: Gottesweisheit. Das meint die heutige Bewegung aber nicht, dass wir Weisheit von Gott erhalten wollten; die Gottheit, nach der wir ausschauen, ist auch für den Theosophen dasjenige, dem er sich fortwährend nähern will, das er aber nicht mit Begriffen umfassen kann; denn es kommen Zeiten, wo wir ganz andere, viel höhere Erkenntnisse haben werden von dem Gottesbegriff, von dem, wozu wir aufschauen. Es wäre also vermessen, mit den heutigen Fähigkeiten die Gottheit umfassen zu wollen. Ebenso wenig können wir von der Zukunft sagen, dass sie es tun wird. Die Weisheit von Gott verbreiten, das will die Theosophie; eine andere Art der Erkenntnis will sie einleiten. Das, was der Mensch mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstande kombinieren kann, nennt er Erkenntnis. Aber betrachten wir nun einmal, wie viel noch in der Seele vorhanden ist, wenn wir abschen von alledem, was wir einen Tag über an dem gegebenen Ort - Lugano - und der gegebenen Zeit - heute - erleben. Ganz anders würden wir empfinden, wenn wir statt in Lugano, etwa in Moskau - statt heute, vor hundert Jahren lebten. Lassen Sie uns also das an Ort und Zeit Gebundene einmal abwerfen und suchen, wie viel dann in der Seele noch bleibt.
Cite:
GA 90b/1906-01-10/p004 · edition original