XXXVIII. Das Vergängliche und das Ewige
Was der Mensch gewöhnlich unter Erkenntnis versteht, hängt mit Ort und Zeit zusammen; und der das annimmt, ist der vergängliche Mensch. Der tiefere Wesenskern im Menschen aber erkennt nicht durch die Sinne. Er erkennt das, was überall, zu allen Zeiten seine Gültigkeit hat. Die Religionen wollen dem Menschen Kunde geben von diesem nicht an Ort und Zeit Gebundenen. Und der Sinn des Religiösen ist die Verbindung zwischen Menschlichem und Ewigem. Theosophie ist Erkenntnis dieses inneren Menschen, seines Wesenskernes. Theosophie ist nicht Erkenntnis von etwas anderem, als was um uns herum ist, sondern nur von einem anderen Teil desselben. Nehmen Sie an, ein Blindgeborener wäre in diesem Zimmer glücklich operiert worden. Dieselben Gegenstände sind noch da wie vorher, aber nun mit ganz anderen Offenbarungen für ihn. In ähnlicher Weise erfährt der Mensch durch die Theosophie von denselben Dingen, wie vorher - von Menschen, Pflanzen, Tieren und Mineralien -, aber er erfährt andere Eigenschaften von ihnen. Wie die Operation da ist, um dem Blinden denselben Gegenstand für das Auge sichtbar zu machen, so die Theosophie, um auf eine andere Erscheinung der Dinge hinzuweisen, auf das, was ihm neue geistige und seelische Eigenschaften an den Dingen sind. Sie erscheinen ihm dadurch in anderen engeren Beziehungen zu den Menschen und der ganzen übrigen Welt. Auf diese Weise wird der Mensch emporgehoben, die Dinge erhalten eine neue Bedeutung für ihn. Es ist die Theosophie ein Wissen vom unvergänglichen Teil im Menschen. Was der unvergängliche Wesenskern des Menschen, was das Wesen des Gottesmenschen ist, können wir ermessen an dem Worte Goethes:
Cite:
GA 90b/1906-01-10/p005 · edition original