Richard Wagner und sein Verhältnis zur Mystik

GA 92/1907-12-02/p017 ·1907-12-02 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Sechzehn Vorträge, gehalten in Berlin, Köln und Nürnberg in den Jahren 1904, 1905 und 1907 (Hörernotizen)» (Sixteen lectures, given in Berlin, Cologne and Nuremberg in 1904, 1905 and 1907 (listeners' notes)). The volume's subtitle as given in the publisher's description, mirrored on AnthroWiki (GA 92); the 2022 catalogue's subtitle omits it. The translation is the maintainer's, not a published one.

Das ist im Urzustand jeder großen Kultur vorhanden gewesen. Die äußere Geschichte weiß nicht viel davon und leugnet dies. Das macht aber nichts. In zwanzig Jahren wird sie solches nicht mehr leugnen. Und ebenso wie in den Urmysterien diese drei vereint waren, so war die Kunst, so waren diejenigen Künste, die dann später getrennte Wege machten, ein Ganzes. Musik und dramatische Darstellung waren zu Einem vereint, und Wagner sah zurück auf eine Urzeit, wo die Künste vereinigt waren, um eine Gesamtheit zu ergeben. Es war ihm klar, daß wegen des notwendigen Ganges der Menschheitsentwicklung diese Künste getrennte Wege gehen mußten. Nunmehr glaubte er aber in seiner Zeit die Epoche gekommen, wo wieder die Vereinigung stattfinden müsse. Er glaubte sich berufen, auf dem Gebiete seines Könnens eine Vereinigung der getrennten Strömungen zu bewirken in dem, was er ein Gesamtkunstwerk nannte. Er fühlte, daß das wahre Kunstwerk etwas von religiösen Durchhauchungen haben müsse. So war ihm das Kunstwerk zugleich religiöser Dienst. Das alles müssen wir uns in seinem Gefühle denken, nachempfinden. Wenn wir im einzelnen seinen Gedanken nachgehen, so werden wir das wiedererkennen. So sah er das dramatisch-musikalische Werk in seinem Geiste sich zusammenfügen aus getrennten Strömungen. Für ihn waren zwei große Künstler Shakespeare und Beethoven. Er sah in Shakespeare den Dramatiker, der mit wunderbarer innerer Geschlossenheit die menschlichen Handlungen auf die Bühne brachte, so wie sie sich ausleben in äußeren Vorgängen. Er sah in Beethoven den Künstler, der mit derselben wunderbaren inneren Geschlossenheit darzustellen vermochte, was sich im Innern der Brust abspielt, was nicht in die äußere Aktion übergeht, in die Geste. Und nun sagte er sich: Da ist etwas, das können wir ganz genau verfolgen, das aber unausgesprochen bleiben muß. Denn da ist zwischen einer Handlung und einer anderen etwas, was in der menschlichen Brust als Vermittler dasteht, was aber nicht übergehen kann in diese Art von dramatischer Kunst. Und wenn das Innere des menschlichen Empfindens symphonisch sich auslebt, dann muß es gleichsam stecken in sich selbst, wenn der Musiker angewiesen ist, in Tönen zu bleiben. Wir sehen es, wie in der Neunten Symphonie Beethovens das, was innerlich in der Seele lebt, heraus sich drängt und Sprache wird zuletzt, vereinigen will das, was in der Kunst nur getrennt ist, in der Menschennatur aber zusammengehört, in ein Ganzes.

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