Richard Wagner und sein Verhältnis zur Mystik
In den Sagen und Mythen ist das Bewußtsein davon erhalten. Zuerst war also die Liebe gebunden an die Blutsverwandtschaft; dann wurden die Kreise weiter und weiter, innerhalb welcher man sich heiratete. Das ist der eine Strom der Entwicklung: die Liebe, die gebunden ist an die Gleichheit und Gemeinschaft von Fleisch und Blut. Dann wird ein anderes Prinzip maßgebend, das die Selbständigkeit einpflanzt. In jener alten Zeit, die dem Christentum vorangegangen ist — so sagten die Gralsritter -, waren diese zwei Strömungen: die Blutbruderschaftsliebe und das Freiheitsprinzip, das, was in dem Menschen waltet als Selbständiges, als Luziferisches, die Macht des Jahve, dessen Name bedeutet: Ich bin, der ich bin. - Mit dem Christentum sollte in die Welt gebracht werden eine Liebe, die unabhängig ist von Blutbruderschaft. So ist der Ausspruch Christi zu deuten: Wer nicht verlässet Vater und Mutter, der kann nicht mein Jünger sein. - Das heißt: Wer nicht an die Stelle einer Liebe, die an Blut und Fleisch gebunden ist, zu setzen vermag die allgemeine Menschenliebe, die von Seele zu Seele geht, von Mensch zu Mensch überhaupt, die sich allmählich herausbilden muß, der kann nicht mein Jünger sein.