XXI
Nach der Welt der Gefühle kommen wir herauf in die Welt des Gedankens. Wenn der Mensch einen reinen Gedanken faßt, dann kommt er in eine andere Lage als durch seine Gefühle und seine Handlungen. Denn wer einen reinen Gedanken faßt, erzeugt durch diesen Gedanken auch eine Gegenwirkung. Europäer haben sehr selten solch einen reinen Gedanken, sondern die Gedanken sind meistens getrübt durch Instinkte, Begierden und Leidenschaften. Zumeist gibt es bei den Europäern nur einen Fall, wo sie reine Gedanken haben, nämlich in der Mathematik. Wenn die Menschen rechnen, sind sie mit ihren Leidenschaften sehr wenig dabei. Weil die meisten Menschen überall Gefühl und Kritik haben wollen, lieben sie die Mathematik nicht. Darüber kann man nicht parlamentarisch abstimmen. Die mathematische Wahrheit erkennt der Mensch durch die Wahrheit selbst, ein Problem kann man nur in einer Weise lösen. Ob einer oder eine Million Menschen entscheiden, es muß das Problem immer gleich gelöst werden. Wir würden nirgends Majoritätsbeschlüsse brauchen, wenn es möglich wäre, auf allen Gebieten so leidenschaftslos und objektiv zu entscheiden wie in der Mathematik. Darauf kann man in Europa nur als auf ein Ideal hindeuten, daß einmal in solch leidenschaftsloser, objektiver Weise auch auf anderen Gebieten des Lebens geurteilt werden wird.
Cite:
GA 93a/1905-10-19/p018 · edition original