Erster Vortrag
Sie wissen vielleicht, daß in der letzten Zeit in bezug auf die Auffassung der neutestamentlichen Schriften, der Evangelien, eine gewisse Auffassung sich herausgebildet hat, die das Johannes-Evangelium eigentlich als historische, geschichtliche Urkunde entwertet hat. Man sagt in theologischen Kreisen, wenigstens in Kreisen der «Fortschrittlichen», daß als Urkunde über das Leben des Stifters des Christentums nur die drei ersten Evangelien, die synoptischen Evangelien, in Betracht kommen können. Synoptisch werden sie genannt, weil man den Inhalt zusammenfaßt und sich auf theologische Weise ein Gesamtbild über das Leben des Christus Jesus bilden will. Dagegen versuchen moderne Theologen, das Johannes-Evangelium als eine Art von Dichtung aufzufassen, als eine Bekenntnisschrift, als die Schrift eines Menschen, der seine Gemütseindrücke, sein inneres religiöses Leben schildert, wie er es empfangen hat durch den Einfluß des Christentums. So daß wir eine Andachtsschrift, ein inbrünstiges Bekenntnis in dem Johannes-Evangelium zu sehen hätten, aber nichts, was irgendwie in Betracht kommen könne für die wirklichen christlichen Tatsachen.