Dritter Vortrag

GA 94/1906-10-31/p020 ·1906-10-31 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Zusammenfassungen und Notizen von Vorträgen u. Vortragsreihen» (Summaries and notes of lectures and lecture cycles). Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one.

Was der moralische Instinkt für den einzelnen Stamm war, das ist Budhi oder das Christus-Prinzip für die ganze Menschheit. In Christus ist dieser Vorgang Fleisch geworden. Christus kam, als die Stammesblutsbande genügend gelockert waren, so daß der Stammesgott nunmehr zu einem Gott aller Menschen sich wandeln kann, Blutsbrüderschaft zur Pflicht gegen jeden Mitmenschen, Stammestreue zu Selbst- und Gottestreue erweitert werden konnte und sollte. Was das Sonnenlicht der Materie, was die intelligible Wahrheit dem Verstande, das ist das Christus-Licht in der Budhi, der von oben kommenden Gnade. Durch Budhi ist das Frühere nun nicht mehr maßgebend, weder der durch die Blutsbande gegebene Moralinstinkt noch das Priestergesetz, weder Moses noch überhaupt Stammesautoritäten, deren letzte Jehova war. Nun gilt der Satz: «Wer nicht verläßt Vater und Mutter und Bruder um meinetwillen, der kann nicht mein Jünger sein.» Das heißt, wer nicht vergißt die alten Stammesprinzipien, und die Blutsliebe nicht auf alle Menschen überträgt, der kann nicht Christus nachfolgen. Die alten Stammesgötter hatten unauflösliche Ehen mit ihren Völkern geschlossen, mit ihren Völkern mußten sie vergehen. Der Christus stellt in der Welt dar einen ganz neuen Geist, der in die Menschheit einzog, und dieser Geist verband sich mit der Menschenseele, die durch die ganze Evolution hindurchgeht. Die den Namen Johannes trugen, die führenden Menschen jener Zeit, waren so weit, mit größter Stärke die brennende Sehnsucht zu empfinden nach etwas, das oberhalb der bloßen Gesetzmäßigkeit und Gerechtigkeit liegt, das heißt, sie dürsteten nach dem neuen Menschensohne. Wer diese Sehnsucht befriedigte, das war der Christus, der Bräutigam der Menschheitsseele überhaupt, die Menschheit war die Braut. So ist Christus oder Budhi in der Tat der einig geborene Sohn Gottes: «Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen», war der Ausspruch Johannes des Täufers. Eines der größten Symbole für dieses Hochzeitsfest ist die Hochzeit zu Kana in Galiläa, einem Orte, wo allerlei Völker in buntem, internationalem Gemisch zusammenströmten. Wir sehen, wie dort ein Hochzeitsfest gefeiert wird. «Und die Mutter Jesu war auch da», so heißt es. Nie wird im Johannes-Evangelium die Mutter Jesu «Maria» genannt, ebensowenig wie der Schreiber des Johannes-Evangeliums, der Jünger, den der Herr lieb hatte, «Johannes» genannt wird. Die Mutter Jesu ist nämlich die Menschenseele, und diese muß erst ausreifen, bis Christus in ihr wirken kann. Darum die Worte: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen. Meine Stunde ist noch nicht gekommen.» Niemals hätte eine so hohe Individualität wie Christus sonst so zu seiner leiblichen Mutter gesprochen.

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