{"corpus":"steiner","locus":"GA 96/1906-10-08/p016","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So stellt sich die Geisteswissenschaft gegenüber allen übrigen Bewegungen in der Gegenwart als etwas ganz anderes dar. Viele Zeitfragen dringen heute an den Menschen heran. Zu diesen Fragen, die ihm durch die Tatsachen aufgedrängt werden, gehört vor allem die soziale Frage, die in den verschiedensten Formen auftritt. Dazu gehören die persönlichen Freiheitsrechte, die nationale und die Rassenfrage und die Kolonialprobleme. Alle diese Fragen, zu denen noch als wichtigste die Erziehungsfrage hinzukommt, erfahren eine besondere Beleuchtung, eine andere Beleuchtung, als dies sonst in der Gegenwart geschehen kann, durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis. Warum ist das so? Durch ein kleines Beispiel soll dies klargemacht werden. Es gibt heute eine gewisse Bewegung in der Psychiatrie, von der die Laien noch nicht viel wissen. Aber da alles durch die Zeitungsartikel in die Welt dringt, wird der eine oder der andere davon schon einige Notiz genommen haben. Es greift tatsächlich in wichtige Angelegenheiten ein. Sehen Sie sich einmal die neuesten Erscheinungen des Büchermarktes an. Da finden Sie ein interessantes Büchlein über Robert Schumanns Krankheit. Ein Psychiater, ein Irrenarzt, hat sich, wie auch über andere Persönlichkeiten, über Robert Schumann hergemacht und nachgewiesen, daß er von derjenigen Krankheit befallen war, die man in der Irrenkunde Dementia praecox nennt, vorzeitigen Schwachsinn. Vielleicht wissen Sie auch, daß nicht nur Robert Schumann, sondern auch andere menschliche Größen auf ihre geistige Verfassung hin untersucht worden sind, Goethe, Heine und noch eine ganze Reihe. Es gibt sogar zwei Schriften, die in gewisser Beziehung nicht uninteressant sind, obwohl sie sogar die Christus Jesus-Persönlichkeit darauf hin untersucht haben. Das alles kann in unserer materialistischen Zeit geschehen. Ein solcher Irrenarzt sagt: Wenn ein abnormer Ausdruck des Geistes stattfindet, so liegt dem eine bestimmte abnorme Organisation des Menschen zugrunde. - Nun ist sich der heutige Irrenarzt auch über eines klar: Durch das, was er geistige Mittel nennt, kann man auf eine solche Krankheit nicht einwirken. Was damit gemeint ist, werden Sie sogleich sehen. Man hat eine Zeitlang geglaubt, wenn jemand, sagen wir, von einer bestimmten Form des Wahnsinns befallen ist, die sich in abnormen Religionsvorstellungen auslebt, könne man ihn davon abbringen, indem man ihm vernünftige Begriffe beibringt, also durch Zureden und durch Vorhalten vernünftiger Argumente. Der Wahnsinn tritt ja manchmal in ganz besonderer Form auf. Da bildet sich zum Beispiel jemand ein, er wird verfolgt. Der Irrenarzt sieht das als ein Symptom an. Verfolgungswahn ist für ihn also nur ein Symptom, in Wirklichkeit liegt eine Abnormität im Gehirn vor. Man kann den Betreffenden dadurch, daß man ihm klar macht, er werde gar nicht verfolgt, nicht von seinen Wahnideen abbringen, denn die Organisation des Gehitns läßt sich ja nicht umändern. Soweit hat der Irrenarzt tatsächlich recht. Der Geistesforscher will den anderen nicht von einem dilettantischen Gesichtspunkte aus richten. Wenn Sie auch mit vernünftigen Vorstellungen an den Betreffenden herankommen, so werden Sie ihn doch nicht von dem Wahn abbringen. Dieser wird höchstens andere Formen annehmen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die geistige Erkenntnis als höchstes Befreiungswesen","site_heading":null,"date":"1906-10-08","location":null,"word_count":476,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/96/1906-10-08/p016","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/96/1906-10-08/p016"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/96/1906-10-08/p016","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}