Das Vaterunser: Eine esoterische Betrachtung
Wer meditiert, und sei es in der einfachsten Art, durch irgendeine der von den geistigen Führern der Menschheit stammenden Meditationsformeln, wer meditiert und sich also im Geiste irgendeine der Formeln, irgendeinen der bedeutenden Gedankeninhalte gegenwärtig sein läßt — Sie wissen, es kann nicht jeder Gedankeninhalt sein, sondern es muß ein solcher sein, der von den Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen gegeben wird -, wer meditiert und diese Formeln in seinem Herzen leben läßt, der durchlebt ein Zusammenfließen mit der höheren Geistigkeit, es durchströmt ihn eine höhere Kraft. Er lebt in ihr. Er schafft zunächst Kraft, um seine gewöhnlichen Geisteskräfte daran zu stärken, zu heben, zu beleben, und wenn er genügend Geduld und Ausdauer hat und diese Kraft vielleicht bis zur moralischen und intellektuellen Stärkung in sich hat einfließen lassen, dann kommt auch der Zeitpunkt, wo tiefere, in jeder Menschenseele schlummernde Kräfte geweckt werden können durch einen solchen Meditationsinhalt. Von der einfachsten moralischen Stärkung und Kräftigung bis zu den höchsten Gebieten des hellseherischen Vermögens gibt es alle möglichen Stufen, welche durch ein solches Meditieren erreicht werden können. Für die meisten Menschen ist die Erreichung höherer Stufen hellseherischer Fähigkeiten nur eine Frage der Zeit, der Geduld und Energie. Dieses Meditieren wird gewöhnlich als eine mehr morgenländische Art, sich zu seinem Gotte zu erheben, angesehen. Im Abendlande, namentlich innerhalb der christlichen Gemeinschaft, kennt man an seiner Stelle das Gebet, das Gebet, durch das sich der Christ zu seinem Gotte erhebt, durch das der Christ versucht, in seiner Art Eingang zu gewinnen in die höheren Welten.
Cite:
GA 96/1907-01-28_02/p005 · edition original