Das Vaterunser

GA 96/1907-02-28/p003 ·1907-02-28 · original (original)
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Wir haben durch das, was ich das letzte Mal hier vor Ihnen sprechen konnte, gesehen, wie in einem altbekannten Gebet eigentlich die ganze geisteswissenschaftliche Anschauung von dem Wesen des Menschen zum Ausdruck kommt. Wir haben uns dabei überzeugen können, wie die religiösen Strömungen, die religiösen Lehren und Verrichtungen aus dem herausgeschöpft sind, was wir im Laufe der Zeiten durch die Geisteswissenschaft selbst kennengelernt haben. Dabei haben wir uns den Vorgang so vorzustellen, daß die Menschheit ursprünglich von einer universellen, allumfassenden Grundanschauung ausgegangen ist, die in den Religionsbekenntnissen der verschiedenen Völker je nach der Verschiedenheit der nationalen Charaktere zum Ausdruck kommt. Nun können Sie natürlich die Frage stellen: Wie hat man sich genauer vorzustellen, daß die Grundwahrheiten, die Grundweisheiten der Menschheit mit dem zusammenhängen, was in den verschiedenen einzelnen Religionsbekenntnissen durch die Religionsstifter diesem oder jenem Volke verkündigt worden ist? — Es ist gewiß eine an sich auffällige Tatsache, daß uns in den sieben Bitten des Vaterunsers wirklich die geisteswissenschaftlichen Grundbegriffe entgegentreten, und einem Außenstehenden, der sich wenig mit dem befaßt hat, was man durch die Geisteswissenschaft heute kennenlernen kann, muß ja vieles phantastisch erscheinen, und er kann dann leicht sagen: Das alles ist nur hineingetragen in das, was ihr aus den religiösen Urkunden erhalten habt.

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