Die Reinigung des Blutes von der Ich-Sucht Durch das Mysterium von Golgatha
Die Ausgießung des Geistes — was konnte sie bewirken? Sie konnte bewirken, daß die Liebe an das Blut gebunden war. Nicht weniger als heute liebten die Menschen einander in den alten Zeiten, als sie noch kleine Stammesgemeinschaften bildeten. Sie liebten einander sogar mehr, aber sie liebten einander in der Art der Mutter- und Kindesliebe. Diese Liebe war also mehr durch die Natur bedingt. Blut fühlte sich zu Blut hingezogen, und in diesem Sich-Hingezogenfühlen von Blut zu Blut drückte sich die Zusammengehörigkeit der Menschen aus. Aber indem diejenigen, welche so in die Blutsgemeinschaft hineingezogen sind, sich vorwätrtsentwickelten, wurden die Menschen so, daß sie vereinzelt sympathisierten. Dadurch entwickelten sich kleinere Zusammenhänge, Familien und Gemeinschaften, und diese wurden wieder in größere Gemeinschaften zusammengeschlossen. Aber die einzelnen Menschen wurden egoistischer und selbstsüchtiger. So daß wir haben: die Menschheit auf der einen Seite immer selbstsüchtiger werdend, und auf der andern Seite das Einziehen des vereinheitlichenden Einflusses des Christus. Auf der einen Seite haben wir die Individualisierung, das Selbständigwerden der Individualität, auf der andern Seite den vereinheitlichenden Geist des Christentums. Nur wenn diese zwei Strömungen sich voll ausleben, wird ein Zustand auf der Erde herbeigeführt werden können, in welchem jedermann selbständig ist und auf der andern Seite wieder zusammenhängt mit allen, weil jeder durchdrungen ist von dem sogenannten Christos-Geist.
Cite:
GA 96/1907-04-01_02/p030 · edition original