Der Verstand als Gabe Luzifers und seine künftige Umwandlung in ein neues Hellsehen

GA 97/1906-04-29/p004 ·1906-04-29 · original (original)
Record: listeners' notes. Written from listeners' notes, summaries, or memory rather than a shorthand transcript. The wording is the note-taker's as much as Steiner's: weigh a single striking phrase here far more cautiously than the same phrase in a stenographic volume, and do not rest an argument on one word. Evidence: «Notizen von einunddreißig Einzelvorträgen mit sechs Fragenbeantwortungen» (Notes of thirty-one single lectures with six question-answerings). Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one.

Ein halbes Jahrtausend vor Christus kommt also erst der Verstand herauf, und diese Tatsache hängt mit der Abänderung aller Verwandtschafts- und Eheformen zusammen. Diese waren ganz andere als heutzutage. Noch bei wilden Völkern Amerikas hat die Wissenschaft konstatiert, daß die Verwandtschaft von Vettern und Cousinen eine viel kompliziertere ist als bei uns. Die Irokesen zum Beispiel nennen Vettern und Cousinen väterlicherseits Geschwister, muütterlicherseits jedoch nicht, aus dem Grunde, weil die gleichaltrigen Männer einer Familie alle gleichaltrigen Frauen zu Frauen haben konnten, man also innerhalb einer Familie wohl die Mutter eines Kindes genau kannte, aber nicht den Vater. Die Irokesen haben noch heutzutage diese verwandtschaftlichen Beziehungen und Bezeichnungen. Nur der Okkultismus kann die richtige Erklärung für diese Verhältnisse geben. 800 bis 900 vor Christus haben wir Tatsachen zu verzeichnen, die darauf deuten, daß nunmehr aus der Verwandtschaftsehe die Fernehe wurde. Früher war ein Oberhaupt der Familie der Vater des Stammes. Noch bei den Germanen finden wir in viel späteren Zeiten diese Einrichtungen, während in Afrika und in den Ländern um das Mittelmeer herum schon zur Fernehe übergegangen wird. Im Mittelalter finden wir in den deutschen Sagen, zum Beispiel im Gudrunlied, diesen Übergang zur Fernehe verherrlicht. Tacitus spricht in seiner «Germania» noch von den deutschen Stämmen mit einem Ahnherrn. Dieser Gebrauch wird später gebrochen, und im Gudrunlied ziehen die Könige in ferne Länder, um ihre Frauen zu suchen. In der Siegfriedsage haben wir eine Schilderung davon, wie sich die neue Ordnung auflehnt gegen die Blutsverwandtschaftsehe: Siegmund und Sieglinde, deren Ehe von Frigga verworfen wird. Wotan ist der Begründer der Fernehe. Bei den verschiedenen Völkern ist die Fernehe zu verschiedenen Zeiten eingeführt worden, aber es existiert ein eigenartiger Zusammenhang zwischen dem Übergang zur Fernehe und der Ausbildung des Verstandes. Es ist ein okkulter Satz, daß die Fernehe auf einen Teil des Ätherkörpers tötend wirkt: das Vorderhirn wird belebt, während das alte Hellsehen abgetötet wird, das durch Blutsverwandtschaftsehen wächst. Die verstandesmäfige Erfassung der Dinge erwacht. Heute ist die Menschheit der Fernehe angepaßt, wie sie es früher der Verwandtschaftsehe war. Die Verwandtenehe wirkt heute schädigend auf die geistige Tätigkeit der Kinder, besonders auf das Sinnesorgan, das mit der Verstandesentwickelung zusammenhängt, das Auge. Daher gibt es so viele Blinde in Verwandtenehen. Nur durch die Fernehe wird das Gehirn verbessert. Diese physiologische Tatsache steht in engem Zusammenhang mit der Menschheitsentwickelung. Sie war notwendig, um das Erscheinen des Christentums vorzubereiten. Hätte dieses unter andern Bedingungen entstehen können? Es bringt die Liebe der Seele zur Seele, das Wirken von Seele auf Seele. Die Blutsverwandtschaftsliebe mußte erst überwunden werden. Die Völker werden überhaupt erst reif für das Christentum werden, wenn sie die Verwandtschaftsliebe überwunden haben. Die alten Eingeweihten Ägyptens stammten immer aus der gleichen Familie innerhalb langer Generationen. Die ältere Weisheit war intuitiver Art, was um so deutlicher hervortritt, je weiter man die Menschheit zurückverfolgt. Das verstandesmäßige Überlegen hängt mit der Grundlage des Christentums zusammen.

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