Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Erziehungsfrage
In diesen Jahren, in denen die Organe des Kindes entwickelt und gesunde Anlagen begründet werden sollen, ist auch alles höchst wichtig, was an moralischen Dingen in der Umgebung des Kindes vorgeht. Es ist auch durchaus nicht gleichgültig, ob das Kind Schmerz und Leid oder Lust und Freude um sich her sieht, denn Freude und Lust begründen gesunde Anlagen im physischen Körper. Alles um das Kind herum sollte Freude und Lust atmen, und beides hervorzurufen sollte der Erzieher bedacht sein, bis auf die Farbe der Kleider, der Tapeten und Gegenstände. Dabei ist sorgfältig die individuelle Anlage des Kindes zu berücksichtigen. Ein Kind, das zu Ernst und Stille neigt, sollte dunklere, bläuliche, grünliche Farben in seiner Umgebung sehen, ein lebhaftes, lebendiges Kind gelbliche, rötliche Farben, weil dadurch die Fähigkeit der Sinne zur Erweckung der Gegenfarbe hervorgerufen wird. Die Organe, die jetzt heranentwickelt werden, müssen dadurch veranlaßt werden, ihre inneren Kräfte herauszubilden. Darum sollte man dem Kinde auch keine fertigen Spielsachen geben, wie Baukasten, Puppen und so weiter. Jedes Kind zieht eine selbstgemachte Puppe aus einem Stiefelknecht oder einer alten Serviette den ausgeputzten Wachsdamen vor. Warum tut es das? Weil dadurch die Imagination geweckt wird, weil die Phantasie in Tätigkeit gesetzt wird und die inneren Organe anfangen zu arbeiten zur Freude und Lust des Kindes. Wie lebendig und interessiert ist solch ein Kind bei seinem Spiel, wie geht es mit Leib und Seele in dem auf, was seine Imaginationen ihm vorspiegeln! Und wie lässig und unvergnügt sitzt das andere da, bei dem die inneren Sinne in Untätigkeit verharren. Das Kind hat eine sehr gesunde Einsicht für das, was ihm gut oder schädlich ist. Es steht in einem solchen Verhältnis zur Außenwelt, daß es abweist, was dem physischen Körper, zum Beispiel dem Magen, nicht bekommt, und Begierde zeigt nach dem, was demselben frommt. Und töricht wäre es, den gesunden Begierden, welche die Entwickelung fördern, entgegenzuarbeiten und das Kind zum Beispiel zum Essen von Nahrungsmitteln zu zwingen, welche die natürlichen Instinkte austreiben. Jeder Anflug von Asketismus ist eine Ausrottung der natürlichen Gesundheit.