Des Menschen Verhältnis zur Natur
So lernen wir denn auch, wie wir in der Pflanze, im Tier, im Mineral die Seele finden. So lernen wir kennen die Seele eines ganzen Volkes. Auch ein ganzes Volk hat eine gemeinschaftliche Seele und was man Volksseele nennt, ist nicht ein toter Begriff, es ist etwas Reales. Wenn ein Volk entsteht, sagen wir die Goten, und wieder vergeht, so ist das ein Entstehen und Vergehen wie beim einzelnen Menschen. Aber es lebt im ganzen Volk etwas Seelenhaftes und die einzelnen Menschen sind die Glieder dieser Volksseele, eingebettet in die Volksseelensubstanz, die ihrerseits wieder ihre Schicksale, ihre Leiden und Freuden hat. Wir erringen zuerst eine Ahnung, dann immer mehr ein Wissen davon, daß rings um uns die Welt von Lust und Leid überall durchflutet ist, überall ist Altes und Junges in der Natur um uns herum, wie in uns selbst. Das ist es, was uns durch die theosophischen Lehren zu anderen Menschen macht. Das heißt theosophisches Verständnis sich aneignen, Theosophie ins Leben umsetzen in intimer Weise. Es ist, wie wenn der theosophische Begriff ein Keim wäre, den wir in sein geeignetes Erdreich setzen, dann sprießt er auf und wird Blüte und Frucht, wenn er Gefühl und Empfindung wird und wir uns durch Gefühl und Empfindung hineinleben tief, tief in unsere Umwelt. Wenn durch die Theosophie Pflanzen und Steine nicht nur unsere Beobachtungsobjekte, sondern unsere Freunde und Mitwesen werden, die warm werden für uns durch die theosophische Betrachtung, die wir lieben lernen, wie wir Menschen lieben lernen, dann wird uns nach und nach das Verständnis aufgehen, die Perspektive sich eröffnen, welch gewaltigen erzieherischen Wert für alle Zukunft die Theosophie haben wird. Stellen Sie sich Menschen in zwei, drei, vier, fünf Jahrhunderten vor, die nicht nur die Begriffe von Karma und Reinkarnation denken werden, sondern mit solchen Gefühlen durch die Welt schreiten werden, wie wir sie angedeutet haben. Und wie das ganze Menschenleben, alle Bildung dann eine andere sein wird, wenn der Mensch überall den Pulsschlag von Wesen wird vernehmen können. Wenn er seine Hand an den Baum legt und den Pulsschlag der Erde fühlt, wenn er den Stein zerschlägt und das Wohlgefühl miterlebt, das durch die Steinseele geht, und er sich bewußt wird, daß die Erde Schmerzen erdulden mußte, dann wird der Mensch anders über diese Erde hinschreiten, dann wird das Leben ein anderes sein und das rechte Mitgefühl, durch die Menschen selber, walten und lebendig sein.
Cite:
GA 98/the_relation_of_the_human_being_to_nature/p017 · edition original