Die Pforte der Einweihung — Zweites Bild

GA 14

Gegend im Freien, Felsen, Quellen; die ganze Umgebung ist in der Seele des Johannes Thomasius zu denken; das Folgende als Inhalt seiner Meditation; später Maria. (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!) JOHANNES: So hör* ich sie seit Jahren schon, Die inhaltschweren Worte. Sie tönen mir aus Luft und Wasser, Sie klingen aus dem Erdengrund herauf, Und wie ins kleine Samenkorn geheimnisvoll Der Rieseneiche Bau sich drängt, So schließt zuletzt sich ein In dieser Worte Kraft, Was von der Elemente Wesen, Von Seelen und von Geistern, Von Zeitenlauf und Ewigkeit Begreiflich meinem Denken ist. Die Welt und meine Eigenheit, Sie leben in dem Worte: O Mensch, erkenne dich! (Aus Quellen und Felsen tönt es: O Mensch, erkenne dich!) Und jetzt! - es wird Im Innern mir lebendig fürchterlich. Es webt um mich das Dunkel, Es gähnt in mir die Finsternis; Es tönt aus Weltendunkel, Es klingt aus Seelenfinsternis: O Mensch, erkenne dich! (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!) Es raubt mich jetzt mir selbst. Ich wechsle mit des Tages Stundenlauf

Und wandle mich in Nacht. Der Erde folge ich in ihrer Weltenbahn. Ich rolle in dem Donner, Ich zucke in den Blitzen. Ich bin. - O schon entschwunden Dem eignen Wesen fühl' ich mich. Ich sehe meine Leibeshülle; Sie ist ein fremdes Wesen außer mir, Sie ist ganz fern von mir. Da schwebt heran ein andrer Leib. Ich muß mit seinem Munde sprechen: «Er hat mir bittre Not gebracht; Ich habe ihm so ganz vertraut. Er ließ im Kummer mich allein, Er raubte mir die Lebenswärme Und stieß in kalte Erde mich.» Die ich verließ, die Arme, Ich war sie eben selbst. Ich muß erleiden ihre Qual. Erkenntnis hat mir Kraft verliehn, Mein Selbst in andres Selbst zu tragen. O grausam Wort! Dein Licht verlöscht durch eigne Kraft. O Mensch, erkenne dich! (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!) Du führst zurück mich wieder In meines eignen Wesens Kreise. Doch wie erkenne ich mich wieder! Mir ist verloren Menschenform. Ein wilder Wurm erschein' ich mir, Aus Lust und Gier geboren. Und klar empfinde ich, Wie eines Wahnes Nebelbild Die eigne Schreckgestalt Bisher verborgen mir gehalten hat. Verschlingen muß mich eignen Wesens Wildheit. Ich fühle als verzehrend Feuer Durch meine Adern rinnen jene Worte, Die mir so urgewaltig sonst Der Sonnen und der Erden Wesen offenbarten. Sie leben in den Pulsen, Sie schlagen mir im Herzen; Und selbst im eignen Denken fühle ich Die fremden Welten schon als wilde Triebe lodern. Das sind des Wortes Früchte: O Mensch, erkenne dich! (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!) Da, aus dem finstern Abgrund, - Welch Wesen glotzt mich an? Ich fühle Fesseln, Die mich an dich gefesselt halten. So fest war nicht Prometheus Geschmiedet an des Kaukasus Felsen, Wie ich an dich geschmiedet bin. Wer bist du, schauervolles Wesen? (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!) O, ich erkenne dich. Ich bin es selbst. [geheuer Erkenntnis schmiedet an dich verderblich Un- (Maria tritt ein, wird von Johannes zunächst nicht bemerkt.) Mich selbst verderblich Ungeheuer, Entfliehen wollt' ich dir. Geblendet haben mich die Welten, In welche meine Torheit floh, Um von mir selber frei zu sein. Geblendet bin ich wieder in der blinden Seele: O Mensch, erkenne dich! (Es tönt aus Quellen und Felsen: O Mensch, erkenne dich!)

JOHANNES (wie wenn er zu sich käme, erblickt Maria. Die Meditation geht in innere Realität über): O Freundin, du bist hier! MARIA: Ich suchte dich, mein Freund; Obwohl bekannt mir ist, Wie lieb dir Einsamkeit, Nachdem so vieler Menschen Meinungen Die Seele dir durchflutet. Und weiß ich auch, Daß ich durch meine Gegenwart dem Freund In dieser Zeit nicht helfen kann, So drängt ein dunkles Streben In diesem Augenblick mich doch zu dir, Da Benedictus' Worte dir statt Licht So schweres Leid Aus deines Geistes Tiefen lockten. JOHANNES: Wie lieb mir Einsamkeit! Ich habe sie so oft gesucht, In ihr mich selbst zu finden, Wenn in Gedankenlabyrinthe mich Der Menschen Leid und Glück getrieben hatten. O Freundin, das ist nun vorbei. Was Benedictus' Worte erst Mir aus der Seele holten, Was durch der Menschen Reden Ich erleben mußte, Gering nur scheint es mir, Vergleich dem Sturm ich dies, Den Einsamkeit mir dann gebracht In dumpfem Brüten. O diese Einsamkeit! Sie hetzte mich in Weltenweiten. Entrissen hat sie mich mir selbst. In jenem Wesen, dem ich Leid gebracht, Erstand ich als ein andrer. Und leiden mußte ich den Schmerz, Den ich erst selbst bewirkt. Die grausam finstre Einsamkeit, Sie gab mich dann mir selber wieder. Doch nur, zu schrecken mich Durch meines eignen Wesens Abgrund. Mir ist des Menschen letzte Zuflucht, Mir ist die Einsamkeit verloren. MARIA: Ich muß das Wort dir wiederholen: Nur Benedictus kann dir helfen. Die Stützen, die uns fehlen, Wir müssen beide sie von ihm erhalten. Denn wisse, auch ich kann länger nicht Ertragen meines Lebens Rätsel, Wenn nicht durch seinen Wink Die Lösung sich mir zeigt. Die hohe Weisheit, daß stets über alles Leben Nur Schein und Trug sich breitet, Wenn unser Denken seine Oberfläche bloß Ich habe sie recht oft mir vorgehalten. [ergreift, Und immer wieder sprach sie: Du mußt erkennen, wie dich Wahn umfängt, So oft es dir auch Wahrheit dünkt, Es könnte schlimme Frucht erstehn, Wenn du erwecken willst in andern Licht,

Das in dir selber lebt. In meiner Seele bestem Teil ist mir bewußt, Daß auch der schwere Druck, Den dir, mein Freund, Das Leben hat gebracht an meiner Seite, Ein Teil des Dornenweges ist, Der zu dem Licht der Wahrheit führt. Erleben mußt du alle Schrecken, Die aus dem Wahn erstehen können, Bevor der Wahrheit Wesen sich dir offenbart. So spricht dein Stern. Doch auch erscheint mir durch dies Sternenwort, Daß wir vereint die Geisteswege wandeln müssen. Doch such' ich diese Wege, So breitet sich vor meinem Blicke finstre Nacht. Und schwärzer wird die Nacht durch vieles noch, Was ich erleben muß Als Früchte meines Wesens. Wir müssen beide Klarheit in dem Lichte suchen, Das wohl dem Aug entschwinden, Doch nie erlöschen kann. JOHANNES: Maria, ist dir denn bewußt, Was meine Seele eben durchgerungen? Ein schweres Los fürwahr Ist dir geworden, edle Freundin. Doch ferne liegt ja deinem Wesen jene Macht, Die mich so ganz zerschmettert hat. Du kannst in hellste Wahrheitshöhen steigen, Du kannst die sichern Blicke In Menschenwirrnis richten, Du wirst in Licht und Finsternis Dich selbst bewahren. Mir aber kann ein jeder Augenblick Mich selber rauben. Ich mußte in die Menschen untertauchen, Die sich vorhin in Worten offenbarten. Ich folgt' dem einen in die Klostereinsamkeit, Ich hörte in des andern Seele Felicias Märchen. Ich war ein jeder, Nur selbst erstarb ich mir. Ich müßte glauben können, Daß Nichts der Wesen Ursprung sei, Wenn ich die Hoffnung hegen sollte, Daß aus dem Nichts in mir Ein Mensch je werden könne. Mich führt aus Furcht in Finsternis Und jagt durch Finsternis in Furcht Der Weisheit Wesenswort: O Mensch, erkenne dich! (Aus Quellen und Felsen tönt es: O Mensch, erkenne dicht) (Der Vorhang fällt.)

German original of Scene 2 — Johannes' meditation among the mountains: ‘Know thou thyself.’ · ← Previous · Next →