Die Prüfung der Seele — Drittes Bild
GA 14
Zimmer in rosenrotem Grundton, freundliche Stimmung. Johannes vor einer Staffelei; Maria später eintretend; dann Geistgestaken als Seelenkräfte. JOHANNES: Maria schwieg vor meinem Bilde, Als sie zuletzt es sah. - Sie schenkte mir vorher doch stets Aus ihrer Weisheit reichem Schatze, Was meines Werkes Fortgang fördern kann. So wenig ich mir selbst getraue, Ein Urteil mir zu bilden, Ob ich mit meiner Kunst erfülle, Was unsre Geistesströmung fordert, So sehr vertrau' ich ihr - Und immer wieder höre ich das Wort im Geiste, Das kraftverleihend mich beglückte, Als ich an dieses Bild mich wagte. «Du kannst auf diesem Wege», sprach sie, «Das Wagnis unternehmen, Was geistig nur die Seele schaut, Dem Sinnenschein zu offenbaren. Es wird dir nicht verborgen bleiben, Wie Formen, Gedanken gleichend, Den Stoff bezwingen; Und Farben, gefühlsverwandt, Die Lebenskraft durchwärmen. So darfst du auch die höhern Reiche Mit deinem Können bilden.» Empfindend dieser Worte Kraft, Ergeb' ich zaghaft mich dem Glauben, Daß ich dem Ziele näherkomme,
Das Benedictus mir gewiesen hat. Ich saß oft mutlos vor dem Bilde; Vermessen schien es mir so manche Stunde, Unmöglich dünkt es mir zu andern Zeiten, In Farben und in Formen nachzubilden, Was meine Seele schauen darf. Wie kann man webend Geistessein, Das allem Sinnesschein entrückt, Sich nur dem Seheraug' erschließt, Mit Mitteln offenbaren, Die doch dem Sinnenreich gehören, So fragt' ich mich recht oft. Wenn ich jedoch verbanne Eigenwesen Und nach der Geisteslehre Sinn Zu schaffenden Weltenmächten In Seligkeit entrückt mich fühlen darf, Erwacht in mir der Glaube An solche Kunst, die mystisch wahr Wie unsre Geistesforschung ist. Ich lernte mit dem Lichte leben Und in der Farbe des Lichtes Tat erkennen, Wie echter Mystik wahre Schüler Im Reich des form- und farbenlosen Lebens Die Geistestaten und das Seelensein erschauen. Vertrauend solchem Geisteslicht, Erwarb ich mir die Fähigkeit, Zu fühlen mit dem flutenden Lichtesmeere, Zu leben mit den strömenden Farbengluten; Erahnend waltende Geistesmächte Im stoffentrückten Lichtesweben, Im geisterfüllten Farbenleben. (Maria tritt ein, ohne von Johannes bemerkt zu werden.) Und wenn mich dann der Mut verlassen will, So denk' ich deiner, edle Freundin. - In deinem Seelenfeuer Erwärmet meine Schaffenslust; In deinem Geisteslicht Erwachen mir die Glaubenskräfte. (Er sieht Maria.) O - du bist hier , Ich harrte deiner ungeduldig Und konnte doch dein Nahen über sehn! MARIA: Erfüllen muß es mich mit Freude, Den Freund in seine Arbeit so vertieft zu sehn, Daß er der Freundin selbst vergißt. JOHANNES: O sprich nicht solches Wort -, Du weißt, wie nichts ich schaffen kann, Das nicht von dir gesegnet ist. Es gibt kein Werk von mir, Das dir nicht seinen Ursprung dankt. Du hast im Liebefeuer mich geläutert; Daß ich vermag, durch meine Kunst zu bilden, Was dir sich offenbart im Schönheitsglanz, Der wesenswärmend, seinverklärend strahlt Und strahlend offenbart das Geistesland. Empfinden muß ich meines Schaffens Strom Aus deiner Seele Quell' in meine fließen; Dann fühle ich die Schwingen, die mich heben Zu erdenfernen, geisterfüllten Höhen. - Ich liebe, was in deiner Seele lebt, Und kann ihm liebend Bildgestalt verleihn. Nur Liebe kann dem Künstler Kräfte zeugen, Die in den Werken fruchtbar weiterleben.
Und soll ich Bilder aus den Geistesweiten Als Künstler in die Sinnenwelten tragen, So muß der Weltengeist durch mich erscheinen, Und Werkzeug nur mein Eigenwesen sein. Der Selbstsucht Fesseln muß ich sprengen können; Daß ich nicht eigner Willkür Wahngestalten Statt Geisterwelten kunstvoll bilden möchte. MARIA: Und wenn du, statt durch meine Seelenschau, Aus dir des Werkes Urbild holen müßtest, Es könnte dann aus Einem Seelengrunde Der Schönheit Wesen einheitvoller wirken. JOHANNES: Ich müßte nur nach eitlen Denkgespinsten jagen, Wenn ich ergrübein wollte, was mir besser ist: Ob deine Geistesschau verkörpernd schaffen, Ob in mir selbst der Bilder Ursprung suchen. Ich weiß, daß ich ihn so nicht finden könnte. Versenken kann ich mich in Seelengründe Und selig mich in Geisteswelten finden; Ich kann am Sinnenreiche mich verlieren Und mit dem Auge folgen Farbenwundern, Die Schöpfungstaten mich erschauen lassen. Bin ich mit meiner Seele nur allein, So führt, was ich erleben kann in mir, Ein Dasein nur, das nicht zum Schaffen drängt. Doch darf ich dir in Weltenhöhen folgen Und warm in Seligkeit dir nacherleben, Was du schon dort im Geist erblicken konntest, Empfind' ich Feuer in der Geistesschau, Das in mir selbst dann weiterflammt und flammend In mir entzündet Kräfte, die zum Schaffen zwingen. Wenn ich in Worten wollte Menschen künden, Was ich in Höhenwelten kann erkennen, So dürft' ich mich mit eigner Seele heben In Sphären, wo der Geist zum Geiste spricht. Als Künstler muß ich jenes Feuer finden, Das aus dem Werk in Herzen strahlend wirkt; Und meine Seele kann dem Bild nur geben, Was magisch Geistesglut in Herzen strömt, Wenn sie erst selbst aus deinen Herzenstiefen Die Geistesoffenbarung trinken kann. Wie Ursprungskräfte sich in Sehnsucht dichten, Und Schöpfungsmächte geistend sprühen, Und schon, den Menschen fühlend, seinbedürftig, Als Götter sich im Zeitbeginn erschaffen, Dies hat der Freundin Seele oft mit edler Rede In unsichtbarer Art mich greifen lassen. Im zarten Ätherrot der Geisteswelt Versucht' ich, Unsichtbares zu verdichten; Empfindend, wie die Farben Sehnsucht hegen, Sich geistverklärt in Seelen selbst zu schauen. So spricht der Freundin Seelenwesen wie mein eignes Aus meinen Bildern zu den Menschenherzen. MARIA: Bedenk', Johannes, daß die Eine Seele, Getrennt von andern, als ein Eigenwesen Seit Weltbeginn sich selbst entfalten muß. Die Liebe soll getrennte Wesen binden, Doch nicht die Eigenheiten töten wollen.
Es ist der Augenblick für uns gekommen, In welchem wir die Seelen prüfen müssen, Wie sie des Geistespfades weitre Schritte Zu einer jeden Heil zu lenken haben. (Geht ab.) JOHANNES: Was sprach die Freundin? So unverständlich klangen ihre Worte! Ich muß dir folgen, Maria! (Die drei Gestalten der Seelenkräfte erscheinen.) LUNA: Du kannst dich selbst nicht finden Im Spiegel einer andern Seele. Die Kraft des eignen Wesens, Sie muß im Weltengrunde Wurzeln schlagen, Wenn sie aus Geisteshöhn Die Schönheit in die Erdentiefen Mit echtem Sinn verpflanzen will. Erkühne dich zum Eigensein, Daß du als starke Seelenform Dich Weltenmächten opfern kannst. ASTRID: Du sollst auf deinen Weltenwegen Dich nicht verlieren wollen; Zu Sonnenfernen dringen Menschen nicht, Die sich des Eigenseins berauben wollen. So mache dich bereit, Durch Erdenliebe vorzudringen In tiefe Herzensgründe, Die Weltenliebe reifen lassen. DIE ANDRE PHILIA: O höre nicht die Schwestern; Sie führen dich in Weltenweiten Und rauben dir die Erdennähe; - Sie sehen nicht, wie Erdenliebe Der Weltenliebe Züge trägt. In Kälte walten ihre Wesenheiten; Die Wärme fliehen ihre Kräfte, Und Menschen wollen sie entführen Aus ihren Seelentiefen In kalte Höhenwelten. (Vorhang, während Johannes, die andre Philia, Astrid, Luna noch stehenbleiben.)