Der Hüter der Schwelle — Zweites Bild

GA 14

Derselbe Raum wie im vorigen Bilde. Er ist von den Personen, die zu Anfang in ihm versammelt waren, verlassen. Anwesend sind: Hilarius Gottgetreu, der Großmeister, Magnus Bellicosus, der zweite Präzeptor, Albert Torquatus, der erste Zeremonienmeister, Friedrich Trautmann, der zweite Zeremonienmeister, Maria, Johannes Thomasius; von den zu Anfang versammelten Personen sind nur geblieben: Felix Bälde, Doktor Strader. HILARIUS GOTTGETREU: Mein Sohn, was du vollbracht, ihm muß das Siegel Der uralt heiFgen Wissenschaft geschenkt Und auch des Rosenkreuzes Segenskraft An diesem Weiheort verliehen werden. Was du der Welt gebracht, es soll durch uns Dem Geist geopfert und so fruchtbar werden In allen Welten, die des Menschen Kraft Dem Weltenwerden dienstbar machen können. MAGNUS BELLICOSUS: Du mußtest, um das Werk der Welt zu geben, Durch viele Jahre fern von manchem sein, Was deiner Seele einst das Liebste war. Es war ein Geisteslehrer dir zur Seite; Er ging von dir, auf daß die Menschenseele In dir die eignen Kräfte voll entfalte. Dir war die teure Freundin zugesellt; Auch sie verließ dich, denn du solltest finden, Was Menschen finden können, wenn sie nur Den Seelenmächten in sich selber folgen. Du hast mit Mut die Prüfung überwunden. Was dir genommen ward zu deinem Heile,

Es wird dir jetzt zu deinem Heile neu verliehn. Die Freundin siehst du vor dir stehn; im Tempel Empfängt sie dich, um unsrem Wunsch zu folgen; Und bald wirst du den Lehrer auch begrüßen. Mit uns vereint begehren auch die Freunde, Die hier an unsres Tempels Schwelle stehen, Dich als Erkenntnisbringer zu begrüßen. FELIX BÄLDE (zu Thomasius): Es wird die Mystik, die bisher im Innern Beschaulich nach dem Geisteslichte strebte, Durch deine Tat dem Wissen jetzt vertraut, Das sich dem Sinnensein nur neigen will. STRADER (zu Thomasius): Den Seelen, die nach Geist-Erkenntnis suchen, Obgleich das Leben sie am Stoffe hält, Du konntest auch für sie die Wege finden, Die sie zum Licht auf ihre Weise fuhren. THOMASIUS: Erhabner Meister und ihr, hohe Herren; Ihr glaubt in mir den Mann vor euch zu sehn, Den ernstes Ringen und des Geistes Kraft Ein Werk vollbringen ließen, das ihr loben Und dem ihr euren Schutz gewähren dürft. Ihr denkt, es werde ihm gewiß gelingen, Die Wissenschaft, wie man sie heute schätzt, Mit uralt heil'ger Mystik zu versöhnen. Und wahrlich, könnte etwas andres mir Verleihn den Glauben an das Werk als nur Der eignen Seele Stimme, euer Wort Vermöchte dies gewiß. FRIEDRICH TRAUTMANN: Des Meisters Wort, Es drückt doch zweifellos nur aus, was ihr In eurer Seele fühlt. Und so bedarf Die innre Stimme ja der Stärkung nicht. THOMASIUS: O war' es so, ich stünde jetzt in Demut Vor euch und flehte um die hohe Gnade, Der Tempel möge meine Arbeit segnen. Ich konnte dies noch glauben, als das Wort Mich traf, durch welches mir verkündet ward, Daß ihr mein Werk in eure Obhut nehmen Und mir die Pforte öffnen wollt, die sonst Nur Eingeweihten sich erschließen darf. Doch auf dem Wege, der zu euch mich führte, Erschloß sich meiner Seele eine Welt, Zu welcher ihr in dieser Stunde mich Gewiß nicht führen wolltet. Ahriman In seiner vollen Größe stand vor mir. Und wissen konnte ich, daß er der Kenner Der echten Weltgesetze wahrhaft ist. Was Menschen über ihn zu wissen meinen, Hat keinen Wert. Verstehen kann ihn nur, Wer seine Wesenheit im Geist geschaut. Die volle Wahrheit über meine Schöpfung, Sie konnte ich von ihm allein erfahren. Er zeigte mir, wie über deren Wirkung Im Weltenwerden nicht entscheiden kann Der Eindruck, welchen Menschen von ihr haben, Die nach Vernunft und Wissenschaft sie werten. Dies Urteil würde nur entscheidend sein, Wenn sich die Schöpfung von dem Schöpfer lösen Und, losgelöst von ihm, ein eignes Dasein

Im Lauf des Geisteslebens führen könnte. Doch bleibt ja stets das Werk mit mir verbunden, Und möglich ist, daß ich vom Geistgebiet Zum Schlechten wandle, was von mir geleistet, Obgleich es selber gut ist und auch Gutes Durch eigne Wesenheit bewirken könnte. Ich werde ja vom Geisteslande aus In alles stets hineinzuwirken haben, Was sich im Erdgebiet als Folge zeigt Der Tat, die ich im Sinnessein vollbracht. Und wenn ich Schlechtes aus dem Geistgebiet In diese Folgen sich ergießen lasse, So wird viel mehr die Wahrheit als der Irrtum Verderblich sein, denn jener müssen Menschen Nach ihrer Einsicht folgen, diesem nicht. Ich werde ganz gewiß in künftigen Zeiten Die Folgen meiner Tat zum Schlechten wenden, Denn Ahriman hat mir recht klar gezeigt, Daß diese Folgen sein Besitz sein müssen. Als ich an meiner Arbeit war, beseligt Und voll Entzücken, weil sie mich so sicher Von Glied zu Glied im Wahrheitsbau geleitete, Beachtet' ich den Teil nur meiner Seele, Der meinem Forschen zugewandt sich hielt; Und ohne Pflege blieb der andre Teil. Entwickeln konnten sich die wilden Triebe, Die früher nur im Keim vorhanden waren Und jetzt im Stillen kraftvoll Früchte reiften. Ich glaubte mich im höchsten Geistgebiet Und war in tiefsten Seelenfinsternissen. Und dieser Triebe Macht, sie zeigte mir In seinem Reiche Ahriman recht deutlich. So weiß ich, wie ich später wirken werde; Denn diese Triebe müssen in der Zukunft Zu meiner eignen Wesenheit sich bilden. Ich hatte, ehe ich mein Werk begann, Mich Lucifer gewidmet, dessen Reich Ich kennen und verstehen lernen wollte. Erst jetzt erkenne ich, was ich nicht wußte, Als ich im Schaffen ganz verloren war, Daß er mein Denken mit den schönsten Bildern Umgab, dabei jedoch in meiner Seele Die wilden Triebe schuf, die jetzt noch schweigen, Doch künftig mich gewiß beherrschen werden. FRIEDRICH TRAUTMANN: Wie kann ein Mensch auf deiner Geisteshöhe Dies alles sicher wissen und doch glauben, Daß er dem Schlechten nicht entrinnen werde? Du schaust ja doch, was dir verderblich ist ... So mußt du es vernichten und mit dir Auch deines Werkes Folgen mutig retten. Der Geistesschüler hat die strenge Pflicht, In sich zu tilgen, was den Aufstieg hindert. THOMASIUS: Ich seh', ihr urteilt nicht nach Weltgesetzen. Was ihr verlangt, ich könnt' es jetzt erfüllen. Und sagen könnte ich in dieser Stunde Dies alles selber mir, was ihr mir sagt. Doch was mir Karma jetzt zu tun gestattet, Das wird es mir in Zukunft nicht erlauben. Es müssen Dinge kommen, die in mir Den Geist verfinstern und mich lenken werden, Wie ich in dieser Stunde euch verkünde. Ich werde gierig dann im Weltenwerden Nach allem greifen, was aus meinem Werke Als schädlich sich ergeben kann, und dies Dem Geistesleben einverleiben wollen.

Ich werde Ahriman dann lieben müssen Und freudevoll als Eigentum ihm geben, Was mir entstammt im Reich des Erdenlebens. - (Pause, während welcher Thomasius tief nachdenkt.) Beträfe dieses alles nur mich selbst, Ich trüg' es auch allein in meiner Seele. Erwarten würde ich in voller Ruhe, Was mir vorherbestimmt auf meinem Wege. Doch trifft es euren Bund so stark wie mich. Was Schlimmes wird erfolgen durch mein Werk Für mich und auch für andre Menschenseelen, Es wird durch Karma seinen Ausgleich finden. Daß ihr dem Irrtum so verfallen konntet, Dies wiegt weit schwerer für das Erdenleben. Da ihr die Führer dieses Lebens seid Und in den Geisteswelten lesen solltet, So hätte euch doch nicht entgehen dürfen, Daß dieses Werk von einem andern Menschen Und nicht von mir verrichtet werden mußte. Ihr hättet wissen sollen, daß es, jetzt Vergessen werden müßte und dann später Von neuem durch jemand zustand gebracht, Der seine Folgen anders lenken würde. So habt mit eurem Urteil ihr dem Bunde Das Recht genommen, das er haben muß, Wenn er die Weihedienste leiten soll. Weil dies für euch aus meinem Schauen folgt, Deshalb erschien ich hier an eurer Schwelle. Sonst hätte mich Erkenntnis ferngehalten, Die wahrlich nicht den Segen nehmen kann Für dieses Werk, das gut und schädlich ist. HILARIUS: Ihr lieben Brüder, was begonnen ist, Es wird sich jetzt nicht weiterführen lassen. Wir müssen uns zum Orte hinbegeben, An dem der Geist uns seinen Willen kündet. {Hilarius Gottgetreu mit Bellicosus, Torquatus und Trautmann verlassen den Saal. Ebenso Doktor Strader und Felix Bälde. Es bleiben nur Maria und Thomasius an ihren Plätzen. Es verdunkelt sich der Saal. Nach einer kurzen Pause treten die drei Geistgestalten Philia, Astrid und Luna in einer Lichtwolke auf und gruppieren sich so, daß sie zunächst Maria verdecken. Das folgende ist Geisterlebnis des Thomasius.) PHILIA: Es dürstet die Seele Zu trinken das Licht, Das Welten entquillt Die sorgender Wille Den Menschen verhüllt. Begierig zu lauschen, Versuchet der Geist Den Göttergesprächen, Die gütige Weisheit Den Herzen verbirgt. Gefährliches drohet Gedanken, die forschen In Seelenbereichen, Wo ferne den Sinnen Verborgenes waltet. ASTRID: Es weiten sich Seelen, Die folgen dem Licht Und Welten durchdringen, Die mutiges Schauen Den Menschen eröffnet.

Beseeligt zu leben, Erstrebet der Geist In Götterbereichen, Die strahlende Weisheit Den Sehern verkündet. Verborgenes winket Dem kühnen Verlangen Nach Weltengefilden, Die ferne dem Denken Geheimnisse bergen. LUNA: Es fruchtet der Seele, Zu bilden das Schauen, Das Kräften entsprosset, Die furchtloser Wille Im Menschen entzündet. Aus Urgründen holen Erlösende Kräfte Sich Zaubergewalten, Die Sinnen verborgen Durch irdische Schranken. Und Spuren verfolgen Die suchenden Seelen, Zu finden die Tore, Die Götter verschließen Dem irrenden Wollen. STIMME DES GEWISSENS (unsichtbar): Es schwanken deine Gedanken Am Abgrund des Seins; Und was als Stütze ihnen verliehn, Du hast es verloren. Und was als Sonne ihnen geleuchtet, Es ist dir erloschen. Du irrest in den Weltentiefen, Die Menschen sehnsuchttrunken Erobern wollen. Du bebest in den Werdegründen, Wo Menschen Seelentröstung Entbehren müssen. (Die letzten Worte gehen unmittelbar in die folgenden der Maria über, welche noch immer durch die Geistgestalten verdeckt und unsichtbar ist. Sie spricht erst mit geisterhafter, doch innerlicher Stimme.) MARIA: So neige deine Seele Sich Liebemächten, Die einst die Hoffnung ihr durchdringen konnten Mit Lebenswärme, Die einst den Willen ihr erhellen durften Mit Geisteslicht. Entreiße der Einsamkeit Die suchenden Herzenskräfte, Empfinde die Freundesnähe In Strebensfinsternissen. (Die Geistgestalten mit der Lichtwolke verschwinden. Maria wird an ihrem alten Platz sichtbar. Es stehen sich Maria und Thomasius allein gegenüber. Das Erleben geht von jetzt an wieder ins Physische über.) THOMASIUS (aus tiefem Nachdenken): Wo war ich eben? Meiner Seele Kräfte Enthüllten mir die Wirrnis meines Innern; Das Weltgewissen offenbarte mir, Was ich verloren; segnend tönte dann Der Liebe Stimme in dem finstern Reich.

MARIA: Johannes, die Gefährtin deiner Seele, Sie darf an deiner Seite wieder stehn, Und folgen darf sie dir in Weltengründe, In denen Seelen sich das Götterfühlen Erkämpfen durch die Siege, die vernichten Und von Vernichtung kühn das Sein ertrotzen. Und in die ewig leeren Eisgefilde Darf sie den Freund geleiten, wo sich ihm Das Licht entringt, das Geister schaffen müssen, Wenn Finsternisse Lebenskräfte lähmen. Mein Freund, du stehst an jener Lebensschwelle, Wo man verlieren muß, was man erworben. Du hast so manchen Blick ins Geistgebiet Getan und dir aus ihm die Kraft geholt, Die dich zu deiner Schöpfung fähig machte. Es scheint dir diese Schöpfung jetzt verloren. Verlange nicht, daß dieses anders sei. Denn solch Verlangen müßte alle Kraft Zum weitern Weg ins Geistgebiet dir rauben. Ob du in Wahrheit oder Irrtum wandelst, Du kannst die Aussicht dir stets offenhalten, Die deine Seele weiterdringen läßt, Wenn du Notwendigkeiten mutig trägst, Die aus des Geistesreiches Wesen stammen. Dies ist Gesetz der Geistesschülerschaft. So lange du den Wunsch noch hegen kannst, Was dir geschehn, das möchte anders sein, Ermangelst du der Kraft, die nötig ist, Wenn du im Geisterland dich halten willst. Daß du verloren, was dir schon gewonnen, Es lasse dich erkennen, wie du weiter Die Geisteswege richtig wandeln sollst. Du kannst Verständnis, das du ehemals Zum Richter deines Handelns wohl gebrauchtest, Von dieser Stunde an nicht mehr berufen, Wenn du es ernstlich für verloren hältst. Drum muß dein Wesen völlig schweigsam werden Und schweigsam harren, was der Geist ihm bringt; Und dann erst wieder sich mit dir beraten, Wenn du dich selbst dir neu gewonnen hast. Dem ernsten Hüter bist du oft begegnet, Der strenge Wache an der Schwelle hält, Die Geistessein von Sinneswelten trennt; Doch bist du nicht an ihm vorbeigekommen. Stets wandtest du beim Anblick dich zurück Und sähest dir von außen alles an. - Doch nicht im Innern, welches außer dir Sich weitet als die Geisteswirklichkeit, Bist du gewesen; so erwarte noch, Was dir sich offenbaren wird, wenn du An meiner Seite nicht betreten nur, Wenn überschreiten du auch kannst die Schwelle. (Der Vorhang fällt.)

German original of Scene 2 — The same. Thomasius is invited to join the league and receive the blessing of the Rosy Cross. · ← Previous · Next →