Der Hüter der Schwelle — Fünftes Bild
GA 14
Ein Zimmer in jenem Waldhäuschen, das in der «Prüfung der Seele» als Baldes Heim angegeben ist. Frau Bälde, Felix Bälde, Capesius, Strader, später die Seele Theodoras. FRAU BÄLDE: So sollen wir ihr strahlend schönes Wesen Erst wieder fühlen dürfen, wenn wir selbst Die Welt betreten werden, welche sie So früh von uns hinweggenommen hat. Vor wenig Wochen konnten wir die Milde, Die jedes ihrer Worte warm durchwehte, In unsrem Häuschen dankend noch erleben. FELIX BÄLDE: Wir beide, Felicia, meine Gattin, Und ich, wir liebten sie aus tiefster Seele. Und so ist euer Leid auch uns verständlich. STRADER: Die liebe Theodora, ja sie sprach Von Frau Felicia und Vater Felix In ihren letzten Lebensstunden noch. Es war ihr auch so ganz vertraut, was euch Das Leben hier von Tag zu Tag gewährt. So muß ich denn allein mich weiter tasten. Sie war mir meines Daseins Wert und Inhalt. Was sie gegeben, ist unsterblich mir, Und doch sie ist nicht hier. FELIX BÄLDE: Wir werden Mit euch auch unser Denken liebend ihr In Geisteswelten senden und vereint Mit ihrem Wesen noch in Zukunft sein. Doch sagen muß ich: überraschend war, Als wir von ihrem Erdenende hörten. Es hat bei mir im Laufe vieler Jahre Ein Blick sich ausgebildet, welcher mir In manchen Augenblicken ungesucht Die innre Lebenskraft der Menschen zeigt; Und dieser Blick hat mich bei ihr getäuscht. Ich konnte wahrlich niemals anders glauben, Als Theodora werde noch recht lange Auf Erden jene Liebe spenden dürfen, Durch welche sie bisher gar vielen Menschen In Glück und Leid so hilfreich sich erwiesen. STRADER: Es ist recht sonderbar, wie alles kam. Gesunde Lebensstimmung war ihr eigen In gleicher Art, solange ich sie kannte. Seit jenen Zeiten erst, als sie gewahrte, Wie ihren Geist ein unbekanntes Etwas Bedrängte und sich nahen wollte, Ergriff sie düstres Sinnen immer mehr, Und Leid ergoß sich dann in all ihr Wesen. Man konnte sehen, wie die Leibeskräfte Verzehrt vom innern Seelenkampfe wurden. Sie sagte mir, wenn ich in meiner Sorge Mit mancher Frage sie gar oft bedrängte, Sie fühle sich Gedanken ausgesetzt, Die furchterregend und wie Feuer wirken. Und was sie weiter sagte, das ist schrecklich .
Als sie gedankenkräftig sich bemühte, Den Grund zu schauen ihres Leid-Erlebens, Da stellte sich ihr stets vors Geistesauge ... Thomasius ..., den wir doch beide schätzten. Und doch verblieb von diesem Eindruck stets Zurück ein starkes Fühlen, das ihr sagte: Sie müsse vor Thomasius sich fürchten ... CAPESIUS: Thomasius und Theodora sollen Nach strenger Schicksalsmächte Fügung nie Im Leben sich in Leidenschaft begegnen. Sie widersetzen Weltgesetzen sich, Wenn einer von dem andern fühlen wollte, Was nicht im Geiste ganz allein gegründet. Thomasius verletzt in seinem Herzen Die ernste Fügung hoher Schicksalskräfte: Er soll an Theodora nicht Gedanken In seiner Seele richten, die sie kränken. Er aber fühlt, was er nicht fühlen darf. Er formt durch seine Widersetzlichkeit Schon jetzt die Kräfte, die sein Leben künftig Den dunklen Mächten überliefern können. Zu Lucifer gewaltsam hingedrängt, Erlebte Theodora unbewußt, Daß dieser Lichtesgeist Thomasius Mit Sinnesleidenschaft für sie erfüllte. Es fanden Maria, der Thomasius Durch Schicksalsmacht im Geiste anvertraut, Und Theodora sich zu gleicher Zeit In jenem Reich, das Göttern feindlich ist. Maria sollte von Thomasius Getrennt und er an Lucifer in Zukunft Durch falsche Liebesmacht gebunden werden. Was Theodora seelisch so erlebte, Das ward in ihrer Seele zehrend Feuer, Das weiterwirkend ihr die Schmerzen brachte. STRADER: Sagt, Vater Felix, doch, was dies bedeutet. Es spricht Capesius so sonderbar Von Dingen, die ganz unverständlich zwar, Doch furchtbar, grausam meiner Seele sind. FELIX BÄLDE: Capesius ist durch die Seelenwege, Die er zu gehen sich genötigt fand, In seine ganz besondre Geistesstimmung Von Zeit zu Zeit stets mehr getrieben worden. Es lebt sein Geist in höhern Welten nur Und läßt ganz unbeachtet jene Dinge, Die durch die Sinne zu der Seele sprechen. Wie durch Gewohnheit nur vollführt er alles, Was er im Leben sonst zu tun gepflegt. Die alten Freunde sucht er stets zu sehn Und auch mit ihnen Stunden zu verleben, Obgleich er doch an ihrer Seite nur Dem eignen Wesen zugekehrt erscheint. Doch was er geistig schaut, war immer richtig, Soweit es meine eigne Seelenforschung Der Wahrheitsprüfung unterwerfen konnte. Drum kann ich auch in diesem Falle nur Zum Glauben mich bekennen, daß es ihm Durch seine Geisteswege möglich war, Die Wahrheit über Theodoras Schicksal In seine Seelengründe aufzunehmen. FRAU BÄLDE: Es ist so sonderbar, er läßt Gespräche
Ganz unbeachtet, die um ihn herum Die Menschen führen; seine Seele scheint, Gelöst vom Leibe, nur nach Geisteswelten Zu blicken; manches Wort jedoch bewirkt, Daß er aus seiner Abgeschlossenheit Heraus sich wendet und aus Geisterreichen Erzählt von Dingen, die an dieses Wort Doch irgendwie sich anzuschließen scheinen. Man kann sonst jedes Ding vor ihm besprechen; Es geht wie nichts an seinem Geist vorüber. STRADER: O schrecklich, wenn er Wahrheit sagte, grausam - THEODORAS SEELE (erscheint): Es hat Capesius empfangen dürfen Erkenntnis meines Seins im Geisterland; Und Wahrheit ist, was er vor euch verkündet. Es darf Thomasius nicht fallen; Maria hat der Liebesmacht das Opfer In ihrem starken Herzen schon entzündet; Und Theodora will von Geisteshöhn Aus Liebemächten Segenstrahlen senden. (Sie macht eine segnende Gebärde.) FELIX BÄLDE: Ihr müßt jetzt ruhig bleiben, lieber Strader. Sie will mit euch nun sprechen; ich verstehe Die Zeichen, welche sie uns gibt; so höret. THEODORA (die eine Handbewegung gegen Strader zu gemacht hat): Thomasius besitzt die Seherkräfte: Er wird mich auch in Geisterreichen finden. Er darf es früher nicht, als bis er frei Von seiner Leidenschaft mich suchen will. Auch deine Hilfe wird er künftig brauchen, Und ich erbitte diese jetzt von dir. STRADER: Du, meine Theodora, die auch jetzt Sich noch zu mir in Liebe wenden will! So sage, was du wünschest, daß geschehe. (Theodora macht ein Zeichen gegen Capesius.) FELIX BÄLDE: Sie zeigt, daß sie nicht weiter sprechen kann. Sie will, daß wir Capesius jetzt hören. (Theodora verschwindet.) CAPESIUS: Thomasius kann Theodora schauen, Wenn er das Geistesauge nützen will. Deshalb wird auch ihr Tod die Leidenschaft Ihm nicht ertöten, die ihm schädlich ist. Er wird sich anders nur verhalten müssen, Als er getan, wenn Theodora noch Im Erdenleibe sich verkörpert hielte; Er wird mit Leidenschaft das Licht erstreben, Das ihr aus Geisteshöhn sich offenbart, Obgleich sie Erdenwissen nicht besitzt. Es soll Thomasius dies Licht erbeuten, Auf daß durch ihn es Lucifer empfange. Dann könnte dieser durch das Götterlicht Die Wissenschaft, die sich Thomasius Durch Erdenkräfte hat erwerben können, In seinem Reich für Ewigkeiten halten. Es hat ja Lucifer seit Erdbeginn
Nach Menschen stets gesucht, die Götterweisheit Durch falsche Triebe sich erworben haben. Er will jetzt reinste Geistesschau vereinen Mit Menschenwissen, das auf diesem Wege Aus Gutem sich in Schlechtes wandeln würde. Es wird Thomasius jedoch gewiß Von seinem bösen Wege abgewendet, Wenn Strader sich zu solchen Zielen lenkt, Die künftig Menschenwissen geistig wandeln Und so dem Götterwissen nähern können. Er muß, daß diese Ziele sich ihm zeigen, Als Schüler sich an Benedictus wenden. {Pause.) STRADER (zu Felix Bälde): O Vater Felix, gebt mir euren Rat. Ist dies in Wirklichkeit von Theodora Capesius vertraut, es mir zu sagen? FELIX BÄLDE: Ich habe mich in letzten Zeiten oft Mit meinem Innern ernstlich ausgesprochen, Um über diesen Mann mich aufzuklären. Ich will euch gern vertrauen, was ich weiß. Capesius erlebt in wahrer Form Die Geistesschülerschaft, obgleich es jetzt Durch sein Verhalten anders scheinen kann. Er ist von seinem Schicksal vorbestimmt, Dereinst im Geistesleben viel zu schaffen. Er kann die hohen Pflichten nur erfüllen, Zu welchen seine Seele auserwählt, Wenn sich sein Geist schon jetzt dazu bereitet. Doch lag es seinem Wesen auch recht nahe, Statt auf dem Geisteswege Licht zu suchen, Der falschen Wissenschaft sich hinzugeben, Die jetzt so viele Seelen blenden kann. Der strenge Hüter an der ernsten Schwelle, Die Sinnenwelt von Geisteswelten trennt, Er hatte ganz besonders strenge Pflichten, Als sich Capesius am Tore fand. Dem ernsten Forscher mußte dies geöffnet, Doch hinter ihm sogleich verschlossen werden. Er hätte durch die Art, wie er vorher Im Sinnensein die Kräfte sich erworben, Im Geistgebiet nicht weiter dringen können. Er kann sich für die hohen Menschheitsdienste, Die er in Zukunft wird zu leisten haben, Am besten vorbereiten, wenn er achtlos An unsrer Gegenwart vorübergeht. FRAU BÄLDE: Es gibt nur eines noch, das er beachtet. Es sind die Märchen, die ich früher ihm Gar oft erzählte, und durch welche er Zu neuem Denken sich befruchtet glaubte, Wenn seine Seele sich wie leer erfand. CAPESIUS: Es wandern Märchen auch ins Geistesland, Wenn ihr sie auch im Geiste nur erzählt. FRAU BÄLDE: So will ich denn, wenn ich mich sammeln kann Und meine Märchen mir im Innern spreche, An euch in Liebe denken, daß sie euch Dann auch im Geisteslande hörbar werden. (Vorhang fällt.)